Polarlichter fotografieren – Aurora Borealis in Island

Aurora Borealis aufgenommen in Hellnar in Island (Neumond, 25 s, f/2.8, ISO 1600, Canon EOS 5D Mark II, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM bei 16 mm)Immer wieder locken die sagenumwobenen, bunten Lichtspiele am nördlichen Firmament Schaulustige und Fotografen aus aller Welt zur kältesten Jahreszeit in die kältesten Regionen der Erde. Jeder hofft, sie wenigstens einmal im Leben zu sehen oder mit der eigenen Kamera für die Ewigkeit festzuhalten. Es gibt leider niemals eine Garantie und nicht selten heißt es “außer (eisiger Kälte und) Spesen nichts gewesen”. Aber circa alle 11 Jahre sind die Chancen besonders groß und so zog das Himmelsfeuer dieses Jahr auch uns in seinen Bann. Warum wir uns ausgerechnet für Island bzw. für eine Reise im März entschieden haben und wie leicht oder schwer das Fotografieren von Polarlichtern ist, möchten wir in diesem Blog etwas näher schildern. Und vielleicht auch der einen oder anderen weitverbreiteten Halbwahrheit etwas widersprechen…

Denn hin und wieder liest man im Internet, dass man keine gelbgrünen Lichtschleier und -bänder erwarten darf, sonst würde man vor Ort enttäuscht werden. Auch hieß es kürzlich in einem Fernsehbeitrag, dass das menschliche Auge Polarlichter nur farblos wahrnimmt. Das ist aber schlicht und einfach falsch oder besser: nur die halbe Wahrheit. Denn ob und wie farbig wir diese Leuchterscheinungen am nächtlichen Himmel sehen, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, allen voran von der Stärke der Lichter, dann noch vom Mond bzw. der Umgebung und last but not least von uns selber. Die Helligkeitsgrenze, ab der jeder einzelne von uns in der Nacht Farben sehen kann, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Meiner Meinung nach ein nicht uninteressantes Thema, auf das seltsamerweise so gut wie nie im Zusammenhang mit Polarlichtern eingegangen wird.

Polarlichter-Bögen über den Vestrahorn-Bergen in Island (13s, f/4, ISO 1250, Sony Alpha 7R II, Canon EF 16-35mm 1:2.8 L II USM at 32 mm mit Metabones-Adapter MB_EF-E-BT4)Aber dazu dann noch ausführlicher unter dem Stichpunkt “Wie nimmt das menschliche Auge Polarlichter wahr?”. Vorerst nur soviel: Sie können farbenprächtig sein und zwar herrlich bunt sogar! Die Schilderungen von Augenzeugen sind nur selten übertrieben. Es ist ein einmaliges Erlebnis, das man nur schlecht in Worte fassen kann und das auch Fotos kaum wiedergeben können! Filme wie dieser werden dem Naturschauspiel schon etwas gerechter, aber die meisten Timelapse/ Zeitrafferaufnahmen spiegeln leider auch nicht ganz die Realität wider. Das Schönste ist hier wirklich, das Naturschauspiel mal mit den eigenen Augen zu erleben und genießen! Und allen, die – so wie ich – etwas an Kältephobie leiden, möchten wir in diesem Bericht Island ganz besonders ans Herz legen.

(letztes Update 20. März 2017)

Was sind Polarlichter und wie entstehen sie?

Oft bildet sich am nördlichen Horizont ein schöner Lichtbogen aus - Aurora bei der Gletscherlagune Jökulsarlon im Südosten Islands.Früher wurden die Leuchtphänomene am nächtlichen Firmament als Tänze oder Kämpfe der Götter angesehen und im Mittelalter galten sie als Vorboten für drohendes Unheil. Im 17. Jahrhundert prägte Galileo Galilei den Begriff “Aurora Borealis” – wörtlich übersetzt “nördliche Morgenrötung” und benannt nach der römischen Göttin Aurora. Er hielt sie damals allerdings noch für Spiegelungen in der Erdatmosphäre, die erste korrekte wissenschaftliche Aufklärung lieferte der Physiker Kristian Birkeland im Jahre 1896. Heute weiß man, dass die schönen Lichtschauspiele entstehen, wenn nach starken Eruptionen auf der Sonne die in Richtung Erde geschleuderten, elektrisch geladenen Teilchen in unsere Atmosphäre eindringen und dort auf die Luftmoleküle treffen. Aus der Interaktion mit Sauerstoff in etwa 100 km Höhe resultiert ein grünes Glühen, in ca. 200 km Höhe ein rötliches Leuchten. Bei sehr starken Sonnenstürmen und entsprechend schnellen Partikelchen können außerdem beim Zusammenstoß mit Stickstoff noch violette oder blaue Polarlichter beobachtet werden.

Mit etwas Glück lösen sich aus diesem grünen Bogen plötzlich mehrere tanzende Polarlicht-Bänder, die dann langsam oder auch schneller über den ganzen Himmel wabern können.Den eintreffenden Sonnenwind umgibt ein schwaches sog. “interplanetares Magnetfeld” (IMF), das mit jenem unseres Planeten interagiert. Die geladenen Teilchen werden stark in Richtung geomagnetischer Pole abgelenkt, wo sie dann dank fast senkrecht zur Erdoberfläche verlaufender Magnetfeldlinien tiefer in die Atmosphäre eindringen und Luftmoleküle zum Leuchten anregen können. Dabei bildet sich ein großer Lichter-Ring rund um die magnetischen Pole unserer Erde aus. Dieses sog. Polarlichtoval konzentriert sich in der Regel auf den Bereich zwischen 70° und 80° geomagnetischer Breite. Nimmt die Stärke des Sonnenwinds jedoch plötzlich zu, verbreitet es sich und reicht entsprechend weiter in südlichere Gefilde. Das Polarlichtoval tritt meist sowohl auf der Nordhalbkugel (Nordlichter bzw. Aurora borealis) als auch in der Antarktis auf (Südlichter bzw. Aurora australis) auf.

Je nach Intensität des Sonnenwindes kann der Himmel dann nur kurz oder aber auch über mehrere Stunden hinweg “glühen”. Typisch ist ein einzelner großer grüner Lichtbogen, der nach Einbruch der Dunkelheit den nördlichen Horizont überspannt und mitunter für lange Zeit dort relativ friedlich verharrt.

Weitaus interessanter sind aber die dynamischen Erscheinungen: Denn der grüne Bogen kann er sich jederzeit in Sekundenschnelle auflösen, zum Tänzeln anfangen, mehrere Bänder ausbilden und schließlich in Form von zahllosen schleierartige Vorhänge “vom Himmel fallen”. Dass diese dabei oft wie ein “Zirkuszelt” aussehen, liegt nur an einer optischen Täuschung, parallele Linien die sich – ähnlich wie Eisenbahnschienen – mit zunehmender Entfernung immer mehr annähern. Diese über den Himmel wabernden oder pulsierenden Lichter können rasch Farbe, Form und Helligkeit ändern. Ihr Farbspektrum reicht meist von Weiß, Gelb, Grün, Lila bis hin zu recht grellem Rosarot! Dieses Video zeigt wie Polarlichter vom Weltall aussehen.

 

Wann findet ein SolarMax statt?

Bunte Aurora Borealis am südlichen Horizont am Eisbergstrand in Island während des Solarmax 2013-15 mit einem Kp-Wert von 5.Die Häufigkeit der nächtlichen Lichtershow ist in erster Linie abhängig vom Aktivitätszyklus unserer Sonne, der im Schnitt alle 11 Jahre eine mehrmonatige, maximale Phase durchläuft. Während dieses Zeitraums kommt es zur Ausbildung von komplexen Sonnenflecken (sunspots) und sehr starken Eruptionen (Koronaler Massenauswurf, coronal mass eruption CME), bei denen besonders viele für Polarlichter verantwortliche Teilchen in Richtung Erde geschleudert werden. Die Chancen eine Aurora zu beobachten sind während eines SolarMax ungleich höher als während eines normalen Jahres und liegen dann mitunter bei 90%.

Das letzte SolarMax fand 2001 statt, das derzeitige (Sonnenzyklus Nr. 24) weist laut NASA einen eher ungewöhnlichen Verlauf auf. Anstelle eines eindeutigen Maximums, bildete sich 2012/2015 ein “twin peak” aus, mit einem ersten Höhenpunkt im Februar 2012 und einem zweiten, noch höherem Peak im April 2014, der sich auch noch im Winter 2014/2015 deutlich bemerkbar machte. Und dass die Show selbst in 2015 noch lange nicht vorbei sein könnte, zeigen die unglaublichen Sonnenstürme vom 17. März 2015 (Kp=8,33) und 22./23. Juni 2015 (Kp=8,67 -> sichtbar bis Rumänien!).

Seit einiger Zeit wird auch beobachtet, dass die Maxima der Polarlichterhäufigkeit meistens sogar erst NACH dem Maxima der Sonnenfleckenzahl liegen. Denn neben Sonnenflecken sorgen auch sog. Koronale Löcher (coronal holes) für tolle Lichtershows.

Eine recht anschauliche Darstellung der letzten SolarMaxs mitsamt Vorschau liefert die NOAA-Seite oder die NASA. Wie sich aber die unterschiedlichen Prognosen zur Anzahl der Sonnenflecken oftmals widersprechen, sieht man hier.

 

Wie nimmt das menschliche Auge Polarlichter wahr?

Bei den starken Polarlichtern im Geothermalgebiet Namaskard im Nordosten Islands waren die bunten Farben (grün, rosa, gelb und weiß) nicht nur am Kamerasensor zu erkennen sondern auch mit bloßem Auge schon (Vollmond, 13 s, f/4, ISO 1250, Canon EOS 5D Mark II, Canon EF 17-40mm 1:4 L II USM).Erst kürzlich wurde in einer Island-Doku behauptet, dass Polarlichter immer farblos für das menschliche Auge erscheinen. Da haben wir uns sehr gewundert, denn wir hatten das doch ganz anders erlebt und das nicht nur einmal, sondern mehrfach! Und so kam es, dass ich mich auch mit diesem Thema etwas auseinandersetzen musste. Tatsache ist, dass in unserem Auge nachts vor allem die Stäbchen aktiv sind und dass diese unsere Wahrnehmung auf schwarz-weiß reduzieren (Skotopisches Sehen). Aber das Sprichwort “Nachts sind alle Katzen grau” gilt nur so lange der Mond nicht scheint oder stärkere Polarlichter am Himmel tänzeln. Denn dann ist die Umgebung ausreichend hell, so dass wir wieder Farben sehen können. D.h., eine starke Aurora ist keineswegs nur für die Kamerasensoren grün! Ganz im Gegenteil und diese sagenhaften Grüntöne sieht unser Auge dann nicht nur am Himmel, sondern auch in spiegelnden Seen oder am grün glitzernden Eis und Schnee! Die Aufnahme rechts oder das nächste Bild unten spiegelt das Szenario in der Nacht vom 28. auf den 29. März 2013 am Lake Myvatn ziemlich 1:1 wider. Das Grün ist vielleicht nicht ganz so grell wie in der Kamera, aber doch recht lebhaft.

Die Leuchtdichte, bei der wir nachts anfangen Farben zu erkennen, ist allerdings von Mensch zu Mensch verschieden. Der Nachthimmel bei Vollmond liegt aber im Bereich von 0,1 cd/m², also doch deutlich oberhalb der Untergrenze, ab der erste Farbwahrnehmungen beginnen (0,005-0,03 cd/m²). Eine sternklare Neumondnacht hingegen reicht hier nicht aus (0,001 cd/m²), d.h. dann müssen die Polarlichter stärker sein. Generell können sie aber eine Leuchtdichte bis zu 0,03-0,05 cd/m² aufweisen und theoretisch selbst in einer Neumondnacht für das menschliche Auge grün erscheinen (bzw. rosa oder violett wenn sie in der Erdatmosphäre noch weiter draußen entstehen; siehe oben).

D.h., die Aussage “Polarlichter sind für uns farblos” stimmt nur, wenn diese in einer stockfinsteren Nacht auftreten und außerdem schwach sind. Dann nehmen wir die Aurora in der Tat nur als “weiße Schleierwolken” wahr und wenn sie extrem schwach ist, oftmals nicht einmal als solche. Wer in so einer Nacht den Fotoapparat gen Himmel hält, könnte aber trotzdem eine Überraschung erleben! Der Kamerasensor ist in der Dunkelheit weitaus farbempfindlicher als das menschliche Auge und kann Dinge festhalten, die uns leider völlig verborgen bleiben.

 

Wo kann man Polarlichter am besten sehen/fotografieren?

Dank des Golfstroms und der geothermalen Aktivität frieren viele Seen in Island nicht zu. Wenn man auch noch das Glück hat, dass es einigermaßen windstill ist, dann spiegeln sich Polarlichter herrlich schön in den Gewässern.Auroras treten vor allem in den Polarregionen auf, so dass sich ein Beobachtungspunkt rund um den 60° Breitengrad empfiehlt (Polarkreis). Yukon und Alaska gelten als populäre Ziele in Übersee (hierzu gibt es einen sehr schönen Blog) und in Europa sind die skandinavischen Länder extrem beliebt, allen voran der Norden Norwegens und die Polarlichter-Hauptstadt Tromsö. In Nordamerika liegen Whitehorse (Yukon) oder Anchorage (Alaska) deutlich weiter weg vom Polarkreis als z.B. die gesamte isländische Insel. Man sollte dabei allerdings nicht vergessen, dass das Aurora Oval trotzdem selbst im Süden von British Columbia oder Alberta in Kanada oft gar nicht schlecht aussieht, weil der magnetische Nordpol ja nicht mit dem geographischen übereinstimmt! Wirklich mies hingegen sieht es auf der Südhalbkugel aus: Süd-Lichter gibt es vor allem in der Antarktis und nur recht selten reichen sie bis nach Patagonien oder Neuseeland.

Eine sehr große Rolle spielt auch die Jahreszeit. Im Frühling werden die Nächte am Polarkreis spürbar kürzer und die Chance für eine erfolgreiche Polarlichterjagd somit auch immer geringer. Schon Ende April ist es in Island nur noch 4 Stunden lang wirklich dunkel. Den Sommer über treten Nordlichter zwar auch auf, aber man wird sie dort aufgrund der Dauerhelligkeit nicht sehen können. Optimal ist also der Zeitraum zwischen Mitte September bis Ende März. Die Wochen unmittelbar VOR und NACH der Tag- und Nachtgleichen (Äquinoktien) gelten sogar als ganz besonders polarlichteraktiv, da dann die Schrägstellung der Erdachse das Zusammenspiel zwischen dem Magnetfeld des Sonnenwinds und der Erde begünstigt.

Und wenn man den Statistiken Glauben schenken darf, so sind auch die Aussichten auf stabilere Schönwetterphasen zum Winterende hin am besten, d.h. im Februar/März. Ein möglichst wolkenfreier Himmel ist für die Polarlichterbeobachtung DAS WICHTIGSTE überhaupt. Denn der Sonnenwind bläst konstant – mal stärker, mal weniger stark – so dass man in nördlichen Breiten selbst in klaren Nächten mit geringster Polarlichteraktivität noch recht oft einen grünen Bogen am Horizont wahrnehmen kann! Schlechtwetter hingegen ist die Katastrophe schlechthin. Nichts ist frustrierender, als eine bombastische Aurora, die man durch eine dichte Wolkendecke durchschimmern sieht und dennoch nicht wirklich beobachten kann (Foto rechts). In diesem Punkt liegen die skandinavischen Länder im Vorteil, dort ist im Winter das Wetter meist stabiler als auf der Atlantikinsel.

Anhand dieses Fotos am Kirkjufell sieht man deutlich, dass die Wetterprognose mindestens so wichtig ist wie die Polarlichtervorhersage. Es ist irgendwie frustierend, wenn man die Lichter stundenlang zwar durch die Wolken erahnen kann und doch nicht richtig sieht.Mal abgesehen vom Breitengrad und der Jahreszeit gibt es auch noch eine weitere, sehr wichtige Voraussetzung für eine gute Polarlichterbeobachtung: ein guter Standort. Dieser sollte sich am besten fernab von Städten befinden und der Blick muss möglichst offen sein, so dass man den gesamten nördlichen Horizont von West nach Ost im Visier hat. Im sehr dünn besiedelten Island ist das in der Regel kein Problem, denn man kann sich oft einfach nur direkt neben der selbst im Winter meist noch gut befahrbaren Ringstraße postieren. Wunderschön ist hier vor allem die Jökulsarlon Eislagune im Südosten, wo man vom Parkplatz aus direkt nach Norden blickt und die Eisberge im Vordergrund hat. Unendlich gut hat es uns auch in der Gegend rund um den Lake Myvatn gefallen: mystisch bei Namaskard zwischen den fauchenden Fumarolen und herrlich die Spiegelungen in den kleinen Tümpeln und Seen. Und das ist etwas das man am Standort “Island” vielleicht noch hervorheben sollte: Dort gibt es selbst im Winter noch stehende, offene Gewässer, in denen sich die Lichter spiegeln. Zum einen wegen der geothermalen Aktivitäten und dann auch schlicht und einfach, weil das Klima auf dieser Insel – dank des Golfstroms – deutlich milder ist als in anderen Ländern diesen Breitengrads.

Womit wir gleich beim nächsten Thema wären: das Frieren! Ich bin sehr kälteempfindlich und während andere Leute (Steffen z.B.) sogar mit Sandalen im Schnee spazieren gehen können, frieren bei mir schon sämtliche Gliedmaßen ab… Die Nächte in Norwegen, Finnland oder Alaska sind bitterkalt. -30°C, eisige Stürme und Probleme mit dem Fotoequipment sind dann keine Seltenheit. Akkus werden im Nu leer, die Linse friert zu und das Fernauslöserkabel wird unbeweglich steif. In Island kann es zwar im Landesinneren auch sehr kalt werden, aber im März darf man nachts entlang der Ringstraße bereits mit relativ angenehmen Bedingungen rechnen. Das Thermometer zeigte bei uns meistens nur knapp unter null, gerade mal im Nordosten in der Myvatn-Gegend war es mit -10°C etwas frischer. Island war somit für uns der perfekte Kompromiss zwischen Sehenswürdigkeiten, nächtlichen Polarlichtern und eisiger Kälte.

Und um zu guter Letzt noch mit einer weiteren Mär aufzuräumen, ja man kann auch -> Polarlichter im Sommer sehen. Aber wirklich nur mit viel Glück. ;)

 

Kann man Polarlichter auch in unseren Breitengraden beobachten?

Rosa Polarlichter aufgenommen bei Neumond - 30 s, f/3.2, ISO 1600, Canon EOS 5D Mark III, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USMJa, aber nur sehr selten und dann verschwinden sie gern unter den Lichterglocken der Städte und Dörfer. Angeblich kommt es auch in Deutschland während eines SolarMax zu bis zu 20 Aurora Borealis Erscheinungen pro Jahr (2001 sollen es z.B. in Summe 22 gewesen sein). Die Lichter sehen allerdings meist gänzlich anders aus, als das was man aus der Polarregion gewöhnt ist. Sie wirken hierzulande deutlich diffuser, sind rötlich oder pink und auf Fotos mitunter schwer von einer städtebedingten Lichtverschmutzung zu unterscheiden. In unseren Breitengraden können die geladenen Sonnensturmteilchen nicht so tief in die Atmosphäre eindringen und regen den Sauerstoff bereits in 200 km Höhe oder den Stickstoff an, so dass grüne Bögen extrem selten sind und bestenfalls weit unten am nördlichen Horizont auftreten.

Unter polarlicht-archiv.de kann man sich anschauen, wann und wie viele Auroras bei uns in Mitteleuropa aufgetreten sind und unter “Alle Sichtungen” gibt es meist auch ein paar Fotos dazu. Eine Prognose für Deutschland findet man auf den Webportalen sonnen-sturm.info oder polarlicht-vorhersage.de und einen Blick auf den Bewölkungsgrad ermöglicht sat24.com.

Linktipp: Auf dieser Graphik ist dargestellt, wie weit nach Süden die Aurora bei einem bestimmten Kp-Wert sichtbar ist. Und hier gibt es eine gute Übersicht von der NOAA.

 

Polarlichter-Vorhersagen

So kann es einem in Island ergehen: Bei unserer herrlichen Polarlichter-Nacht am Lake Myvatn im März 2013 stand die Aurora-Borealis-Vorhersage noch am späten Nachmittag auf Kp=0! Abends wurde sie auf Kp=1 korrigiert, aber der Show, die sich da stundenlang über unseren Köpfen abgespielt hat, würde ich eher 10 von 10 Punkten verleihen! ;-)Aurora-Vorhersagen beruhen auf der Beobachtung von Sonneneruptionen und der Messung der Stärke des Sonnenwindes. Findet der Koronale Massenauswurf in Richtung Erde statt, treffen die Sonnenstürme je nach Geschwindigkeit meist nach 2-5 Tagen auf der Erde ein, extrem selten auch nach bereits 24 Stunden. Sie können generell nur kurzfristig und auch nur grob vorhergesagt werden. Vom Wetter werden Polarlichter nicht beeinflusst, da sich das Geschehen in der Ionosphäre bzw. rund 100-400 km von der Erdoberfläche entfernt abspielt. Was allerdings passieren kann und das leider nicht selten: bei schlechtem Wetter wird man sie nicht von der Erde aus beobachten können, weil dichte Wolken die Sicht blockieren.

Für Island gibt es im Web zwei Wettervorhersagen: belgingur.is sowie das meist bessere vedur.is, da diese Seite beide Vorhersagen (Aurora und Bewölkung) gleich miteinander kombiniert. Bei beiden sieht man unter “cloud cover”, auf welcher Seite der Insel die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, um erfolgreich Polarlichter zu beobachten (dunkelgrün bzw. dunkelgrau = total bewölkter Himmel, weiß = wolkenfrei). Besonders praktisch ist der Regler, mit dem man sich den Bewölkungsgrad zu jeder beliebigen Tageszeit anschauen kann. Und diese “Cloud”-Prognosen sind oft erstaunlich akkurat und das sogar einige Tage im Voraus. Aber sie können leider auch total versagen. Und gar nicht so selten kommt es vor, dass sich die zwei isländischen Wetterdienste widersprechen. Immer wenn das der Fall war, hat unsere Reise meist in das Gebiet geführt, zu dem sich beide einig waren.

Selbst bei niedrigen Kp-Werten überspannt oftmals ein grüner Lichtbogen den nördlichen Horizont - Polarlicht auf der Snaefellsnes-Halbinsel im Westen Islands.Die Stärke der Polarlichter wird in folgenden Einheiten angegeben: 0=minimum, 1=quiet, 2=low, 3=moderate, 4=active, 5=high usw. Bei einem Kp-Wert von 3 oder 4 erlebt man in Island bereits ein wahres Feuerwerk am Himmel, das stundenlang anhalten kann. Aber selbst bei einer prognostizierten “0” oder “1” sollte man nachts doch hin und wieder einen Blick aus dem Fenster riskieren. Denn ein Kp=1 oder 2 reicht selbst an der isländischen Südküste (unterhalb des 64. Breitengrades) mit etwas Glück für ein unvergessliches Erlebnis aus!
Für alle, die noch etwas mehr zu diesem Thema lesen möchten, habe ich noch einen ausführlicheren Bericht geschrieben -> Island – Welchen Kp-Index benötigt man für schöne Polarlichter?

Polarlichter können außerdem sehr plötzlich auftreten. Und so kam es, dass einige unserer bislang schönsten und längsten Aurora-Erlebnisse ausgerechnet in Nächten stattfanden, wo die Vorhersage noch am späten Nachmittag auf “0” stand! Abends wurde sie auf “1” korrigiert, nachts dann auf “3” oder “4” und der Show, die sich um Mitternacht stundenlang über unseren Köpfen abgespielt hat, würden wir sogar eher 10 von 10 Punkten verleihen. Näheres zur Nacht am Lake Myvatn in unserem -> Island-Reisebericht vom März 2013. Und über die Unzuverlässigkeit der Aurora-“Propheziehungen” habe ich mich bei der Winter-Tour 2014 etwas ausgelassen (bei durchschnittlicher Sonnenaktivität ohne große geomagnetische Stürme stimmt bei vedur.is oft nicht einmal der aktuelle Kp-Wert…).

Manche Hotels in Island bieten einen “Wake up call” Service an. Mit anderen Worten, sobald das Personal oder ein Besucher draußen tänzelnde Lichter beobachtet, wird man auch geweckt. Praktisch sind auch die für Smartphones (Android/iOS) erhältlichen Apps, die sogar warnen, wenn ein bestimmter Kp-Wert erreicht ist, den man selber bestimmen/einstellen kann (für recht sinnvoll halten wir hier “3”).

Ebenso ein guter Tipp sind die Space Weather Alerts, die Ovation Aurora, die 3-Tage-Vorhersage von der NOOA sowie die Meldungen auf den Facebook-Seiten “Aurora Alerts” und “Aurora Service – Europe“. Mit einem “Like” und der Auswahl “Get Notifications” wird man (hoffentlich…) immer rechtzeitig gewarnt. Interessant ist meist auch der Blick auf die neuesten Polarlichter-Bilder auf diesen beiden Facebook-Seiten oder auf spaceweather.com.

Bei diesen fast die ganze Nacht tanzenden Polarlichtern im März 2014 lautete die Prognose auf der offiziellen isländischen Seite verdur. is noch am Abend Kp=0. Hier kann man leider nur selber immer wieder in regelmäßigen Abständen den nächtlichen Himmel beobachten. Am besten aber mit der Kamera, diese erfasst dir Polarlichter deutlich früher als das menschliche Auge.Den ein oder anderen könnten auch längerfristige Polarlichter-Vorhersagen interessieren. Unsere Sonne dreht sich in 25 Tagen einmal um ihre eigene Achse, so kann man darauf hoffen, dass eine mächtige, der Erde zugewandte eruptive Zone (Sonnenflecken oder ein koromales Loch) nach dieser Zeitspanne noch immer aktiv ist und erneut einen starken Sonnensturm in Richtung Erde schickt. Allerdings gibt es – physikalisch bedingt – eine beachtliche zeitliche Schwankung, je nachdem wo sich diese auf unserer Sonne befindet: Jene in Äquatornähe hat eine Umlaufperiode von etwa 25 Tagen, die in 45° Breite benötigt 27 Tage und in Polregionen sogar über 31 Tage. Es handelt sich also um sehr, sehr vage Vorhersagen! Mehr zum Thema -> Langzeit-Vorhersagen für Polarlichter in einem Extra-Blog von mir.

Fast noch wichtiger als sämtliche Prognosen, erscheint uns der IST-Zustand, ein Real-Time-Wert. Das Leirvogur Magnetic Observatory, nördlich von Reykjavik angesiedelt, veröffentlicht auf seiner Webseite die jeweiligen Komponenten des Erdmagnetfeldes und aktualisiert seine Graphiken alle 10 Minuten. Ausschlaggebend sei vor allem die mittlere, hat man uns erklärt, wenn die Graphik “H” nur eine ruhige Linie zeigt, ist nichts los am Himmel. Wenn es dort allerdings plötzlich steil bergab geht bzw. wenn die Kurve wild auf und ab schwankt, sollte man a.s.a.p. sein Stativ draußen aufstellen gehen.

Auch einen Blick wert sind die sogenannten Solar Wind Gauges auf der Aurora Service Webseite, die sich im Minuten-Takt aktualisieren. Sie zeigen die Daten an, die aktuell vom ACE-Spacecraft übermittelt werden, das sich zwischen Sonne und Erde stationiert wurde (1,5 Mio Kilometer von der Erde entfernt!). ACE erlaubt der NASA das Eintreffen eines Sonnensturms auf der Erde schon eine Stunde vorher zu detektieren. Interessant ist bei diesen Gauges vor allem das Erste (Bz), nur wenn das einen negativen Wert anzeigt, kann es auch tatsächlich Polarlichter geben.

Schwierig zu verewigen, aber ein wahnsinnig tolles Erlebnis war die Aurora im Geothermalgebiet Hverarönd zu Füßen des Namasfjall im Nordosten von Island.Last but not least, von 22-2 Uhr soll die beste Tageszeit sein. Unsere Erfahrung in Island war eher: Hauptsache dunkel und nahezu wolkenfrei, dann sieht man sie mitunter sogar unmittelbar nach Sonnenuntergang schon oder um 5 Uhr morgens noch immer… Und nicht nur das, in den Dämmerungsphasen bzw. zur “Blauen Stunde” können Polarlichter ausgesprochen schön aussehen und sie sind obendrein leichter zu fotografieren!

 

Polarlichter fotografieren – Tipps & Tricks

Zu analogen Zeiten war das Fotografieren in der Finsternis eine Wissenschaft für sich. Man konnte nur bangen und hoffen, dass man die tänzelnden Lichter gut erwischt hat. Das Ergebnis sah man meistens erst nach der Reise, wenn Korrekturen und Verbesserungen nicht mehr möglich waren. Heutzutage verraten Lifeview oder der nachträgliche Bildcheck sofort, ob Schärfe und Belichtung passen. Digitale Kameras haben das Fotografieren ungemein erleichtert und irgendwie nahezu idiotensicher gemacht.

Das Equipment spielt eine entscheidende Rolle beim Fotografieren von Polarlichtern. Vor allem wenn sie sich schnell bewegen, benötigt man ein lichtstarkes Objektiv und einen Kamerasensor mit high-ISO-Fähigkeit. Nur dann gelingt es die bogenartige Struktur der tänzelnden Lichter gut einzufangen (Vollmond, 5 s, f/2.8, ISO 800, Canon EOS 5D Mark III, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM).D.h., mit ein paar wenigen Tipps und Tricks sollte das so ziemlich jeder hinbekommen, der über eine einigermaßen gute Ausrüstung verfügt. Auch wenn wir sonst eher der Meinung sind, dass sehr viele Leute das Equipment völlig überbewerten, so spielt es hier leider doch eine nicht unwesentliche Rolle. Zwar ist nach wie vor das Auge des Fotografen entscheidend, ob das Motiv ansprechend oder weniger gut wirkt, aber Kompaktkameras ohne manuellen Modus, kleinere Sensoren wie in Smartphones oder älteres Equipment, das noch ein sehr schlechtes Rauschverhalten bei höheren ISO-Werten aufweist, sind NO GOs beim Verewigen von Polarlichtern. Und Objektive mit einer größten Blendenöffnung von f/5,6 eigentlich auch. f/4 ist zwar nicht optimal, aber wenn die Nächte nicht zu dunkel sind, durchaus noch akzeptabel. Und immer wenn sich die Lichter nicht zu schnell bewegen und wir bei den Nachtaufnahmen auch noch etwas Vordergrund dabei haben, verwenden wir auch mit dem 2,8er Objektiv öfters Blende f/4 oder sogar mal f/5,6.

So kommt es, dass an dieser Stelle (ausnahmsweise) das Equipment gleich an erster Stelle gelistet ist:

Die beste Ausrüstung:

  • moderne digitale Spiegelreflexkamera mit großen, rauscharmen Sensoren und high ISO-Fähigkeit; die Sony Alpha 7R II und neueren Nikon DSLRs (u.a. D800/810) haben hier klar die Nase vorne, die neue Canon EOS 5D Mark IV macht aber auch einen ganz guten Eindruck! Für mich persönlich gibt es nachts derzeit (Stand 2016) nicht besseres als die eben erwähnte Sony, denn mit der Auswahl “Bright Monitoring / Helle Überwachung” kann man in fast völliger Finsternis das Motiv rasch und exakt um- bzw. neu einstellen. Bei sich schnell bewegenden Polarlichtern von unschätzbarem Vorteil! Und so etwas ist leider mit keiner DSLR möglich. Näheres dazu in meinem Sony-Blog im Absatz über das -> “Fotografieren in der Nacht“.
  • lichtstarkes Weitwinkelobjektiv, denn mit einem f/2.8 braucht man nur halb so lange zu belichten wie mit f/4, was bei tänzelnden Polarlichtern ein großer Vorteil ist, denn dann müssen die ISO-Werte nicht ins Unermessliche hochgeschraubt werden. Auch sollte man bedenken, dass die Sterne mit einem WW-Objektiv erst viel später zum Verwischen anfangen, die ersten “star trails” entstehen so erst nach 20-30 s.
  • stabiles Stativ
  • Fernauslöser bzw. Kabelauslöser (es geht aber auch ohne, wenn man einen 2s-Timer mit Spiegelvorauslösung nutzt; und Achtung, Kabelauslöser vertragen keine extreme Kälte!)
  • Ersatzakkus (am besten in der warmen Jacken- oder Hosentasche aufbewahren, damit sie bis zu ihrem Einsatz voll leistungsfähig bleiben)
  • last but not least: ausreichend Speicher! ;)

Himmel voller Aurora (8 s, f/2.8, ISO 1000, Canon EOS 5D Mark II, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USMWichtig wäre auch noch, dass man sämtliche Filter von der Linse entfernt und ja nicht auf die Idee kommt, einen Grauverlaufsfilter einzusetzen, damit der Vordergrund etwas heller wird. Polarlichter will man keinesfalls länger belichten. Hier hilft nur die “Magic Cloth” Technik. Bei einem hellen, verschneiten Vordergrund oder bei den Spiegelungen mit Mondlicht war es nicht unbedingt notwendig, aber bei einer mondlosen Nacht und schwacher Aurora kommt man nicht umhin sie einzusetzen. Weitere Utensilien sind dabei nicht erforderlich, im Prinzip reicht ein schwarzer Handschuh, mit dem man vor der oberen Hälfte des Objektivs hin und her “wedelt” (wichtig damit man keine harten Ränder sieht). So wird der dunklere Vordergrund z.B. 30s belichtet und der Himmel erheblich kürzer, je nachdem wie lange man abdunkelt.

Belichtung:
Die Belichtung sollte beim Fotografieren von Polarlichtern grundsätzlich manuell erfolgen. Typische Zeiten sind, wenn der Mond scheint, 4-15 s bei Blende 2,8 und ISO 800 bzw. bei Blende 4 und ISO 1250. Dieser lässt die Polarlichter zwar schwächer wirken, aber wer über kein f/2,8 oder f/1,4-Objektiv verfügt, wird beim Fotografieren bald die Vorteile einer helleren Nacht zu schätzen wissen. Denn wenn es komplett finster ist, dann sind meist Belichtungszeiten größer als 30 s erforderlich und diese sind in vielen Fällen aber eher nicht ratsam. Zum einen werden die Sterne dann nicht mehr punktförmig abgebildet (ab 30s sieht man selbst mit einem WW-Objektiv schon erste Sternspuren) und wenn sich die Polarlichter rasch bewegen, verlieren sie schon manchmal ab > 8s ihre schöne schwungvolle Form und verwischen zu einem unkenntlichen Nebelvorhang. Ihre Geschwindigkeit und Intensität kann in kurzer Zeit sehr schwanken, d.h. ISO-Werte und Belichtungszeiten müssen dann entsprechend oft angepasst. Hier schadet es also nicht wenn man seine Kamera “blind” bedienen kann. ;)

Zur besseren Veranschaulichung des Zusammenhangs zwischen Blende, ISO-Werten und Belichtungszeiten und der Vorteile von lichtstarken Objektiven hier noch ein kleine Tabelle:

f2,8 f4 f5,6
ISO 400 30 s 1 min 2 min
ISO 800 15 s 30 s 1 min
ISO 1600 8 s 15 s 30 s

An was man auch immer denken sollte: aufgrund der dunklen Nacht erscheint das Foto am Display zwar sehr hell, ist in Wirklichkeit aber meist zu dunkel. D.h. hier empfiehlt sich eine leichte Überbelichtung sowie der Blick auf das Histogramm. Das Aufhellen von zu finster gewordenen Bildern geht häufig nur mit einem Qualitätsverlust einher (mehr Rauschen).

Scharfstellen:
Schon bald nach Sonnenuntergang zeigte sich die Aurora oberhalb des Hvitserkur. Die Lichtershow war an dem Tag aber leider nur sehr kurz und relativ schwach.Der Autofokus versagt nachts auf ganzer Linie, d.h., wie schon bei der Belichtung ist auch hier der manuelle Modus ein Muss! Wenn man bei Offenblende nicht aufpasst und die Sterne dann unscharf abgebildet werden, kann man die Aufnahmen nur noch zu Erinnerungszwecken aufheben. Das Scharfstellen ist allerdings in einer stockfinsteren Nacht leider alles andere als leicht. Im Prinzip hat man dann nur drei Möglichkeiten:

  • eine Hilfsmarkierung am Weitwinkel-Objektiv: tagsüber auf unendlich scharf stellen und eine Markierung setzen (das ist sehr häufig deutlich vor dem Unendlichkeitssymbol und variiert auch von Linse zu Linse!)
  • bereits in der Dämmerung Motiv wählen, scharf stellen und warten
  • in mehreren Schnitten versuchen den richtigen Fokuspunkt zu finden, in dem man von Unendlichkeit den Fokusring Stück für Stück zurückdreht, eine Aufnahme nach der anderen macht und immer wieder am Display mit dem 10x-Zoom überprüft. Bis es endlich passt, kann es sein, dass die schönsten Lichtspiele schon wieder vorbei sind…

All diese Methoden sagen uns nur mäßig zu, denn so ist man extrem unflexibel und die Gestaltungsmöglichkeiten lassen sehr zu wünschen übrig. Jegliches Zoomen kann man gänzlich vergessen! Zum Beispiel benötigt man bei manchen Objektiven zwei Markierungen, eine für 16 mm und 35 mm, und diese sollte man in der Hitze des Gefechts dann tunlichst nicht verwechseln.
Und so kommt es, dass der Mond gleich ein zweites Mal eine für uns wichtige Rolle bei der Polarlichterfotografie spielt. Er leuchtet nicht nur die Umgebung schön aus, sondern ist auch sonst ein wichtiges Hilfsmittel. In Sekundenschnelle hat man so das Schärfeproblem oft gelöst: Entweder die schneebedeckten Berge in der Ferne sind hell genug oder man visiert mit dem Lifeview-10x-Zoom den Mond an. Das klappt zwar nicht immer und hängt sehr von der Position und Helligkeit des Mondes ab, aber manchmal ist es die einfachste und schnellste Lösung. So bleibt man extrem flexibel und kann ggf. sogar etwas zoomen. Denn nach den ersten Erinnerungsfotos möchte man wahrscheinlich nicht wahllos irgendwo am Bild irgendwelche Lichter verewigen, sondern doch ganz gezielt und bewusst einen möglichst schönen Bildausschnitt wählen, bei dem man nachträglich kaum oder gar keinen Beschnitt hat.

Aufnahmeformat:
Während tagsüber bei guten Lichtverhältnissen die JPGs von modernen DSLRs qualitativ durchaus sehr gut sein können, so führt nachts kein Weg am RAW-Format vorbei. Nur so entstehen wirklich nahezu rauschfreie Bilder! Hier ein Vergleich zur besseren Veranschaulichung (zum Vergrößern bitte anklicken):

Der Vergleich zeigt, dass man beim Fotografieren von Polarlichtern keinesfalls nur JPGs machen sollte. Ein RAW-file ist sehr leicht entrauscht ohne die Sterne zu beeinträchtigen.

Das Rauschen wirkt sehr störend auf den JPGs, aber bei der RAW-Entwicklung ist es meist im Nu beseitigt (ohne die Sterne zu beeinflussen). Ein Dark Frame oder “Langzeit Rauschunterdrückung” ist beim Polarlichterfotografieren wenig hilfreich, da sie unmittelbar nach der Aufnahme die Kamera noch einmal für dieselbe Zeit blockieren.
Der Weißabgleich ist bei Nachtfotos immer ein heikles Thema und z.T auch Geschmackssache. Aber hier ist man mit einem RAW ebenfalls auf der sicheren Seite und kann ihn jederzeit nachträglich ändern.
Vielleicht interessiert den einen oder anderen noch ein Vergleich der beiden Canon EOS 5D Mark II und III: bei den Kamera-JPGs sieht man einen Unterschied bei ISO 1250 oder 1600, nach der RAW-Entwicklung erscheint uns dieser eher minimal.

Aufnahmeort/Aufnahmerichtung:
Wie bereits unter “Wo kann man Polarlichter am besten sehen/fotografieren?” geschildert, sollten störende Fremdlichter möglichst vermieden werden, außer man möchte diese bewusst in Szene setzen. Ausrichten wird man die Kamera meist in Richtung Norden, sehr starke Polarlichter können aber auch im Westen oder Osten erscheinen und von dort noch weiter südwärts tänzeln.

Das Mondlicht:
Aurora Borealis in Island - aufgenommen bei Vollmond (10 s, f/2.8, ISO 800, Canon EOS 5D Mark III, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM)Der Mond ist – wie oben bereits mehrfach angesprochen – ein nicht ganz unwichtiger Faktor beim Fotografieren von Polarlichtern. Und interessanterweise fallen die Meinungen zu diesem Thema doch sehr unterschiedlich aus. Immer wieder hört oder liest man, dass man Polarlichter am besten bei Neumond fotografiert. Das würden wir auf keinen Fall unterschreiben. Man erkennt zwar dann noch die schwächsten Lichter (wenn auch nur im sw-Modus…), aber gleich drei Dinge sind dabei ziemlich problematisch:

  • die Belichtungszeiten – wenn die Lichter sich schnell bewegen wird man für 5-8 s bald ISO-Werte im höheren 4-stelligen Bereich einstellen müssen, erst recht wenn man nur über ein Objektiv mit einer maximalen Blendenöffnung von 4 verfügt. Das sieht dann auch nach der RAW-Entwicklung bei vielen Kameras nicht so optimal aus.
  • die Komposition – Bilder von tänzelnden Polarlichtern mit einem pechrabenschwarzen Vordergrund sind meist nicht ganz so ansprechend, ebenso wie Aufnahmen die nichts weiter als Himmel und Lichter zeigen, außer man erwischt eine “Aurora Corona” (“Explosion”), was aber nicht leicht ist…
  • das Scharfstellen – ohne Mond mitunter eine echte Herausforderung!

Der Vollmond ist beim Fotografieren von Polarlichtern nicht unbedingt hinderlich, vor allem wenn die Aurora stark und das Objetiv gut vergütet ist. So wird der Mond selbst bei Offenblende sternförmig abgebildet.Und eines muss man beim Mond auch noch bedenken, er scheint meistens nicht die ganze Nacht. Wenn er sehr früh untergeht, herrschen auch rasch neumondähnliche Bedigungen. Hinzu kommt, dass in Island der Vollmond oftmals aufgrund der Bewölkung deutlich schwächer scheint und dann hat man im Prinzip fast die perfekten Bedigungen wie bei einem zu- oder abnehmenden Mond. So ein “greller Vollmond” wie am Bild oben rechts war bei uns eher selten. Der große Nachteil ist dann nicht nur eine schlechtere Sichtbarkeit von Polarlichtern sondern auch der helle Himmel in der unmittelbaren Nähe des Mondes. Vor allem wenn er im Norden auf- und untergeht, ist das meistens eher ungünstig fürs Fotografieren. Es gibt aber auch hier immer wieder Aufnahmen, die das Gegenteil beweisen, bei denen die Lichter stark genug sind und der Mond sogar toll in das Motiv passt (siehe Bild links). Der unserer Meinung nach beste Kompromiss sind die Tage zwischen 3/4- und Halbmond.

Dem Fotografieren bei Neumond haben wir noch ein Extrakapitel gewidmet:

 

Polarlichter bei Neumond

Polarlichter aufgenommen bei Neumond in Arnarstapi auf Snaefellsnes (15 s, f/2.8, ISO 1000, Canon EOS 5D Mark II, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM bei 16 mm)Wie bereits oben unter “Wie nimmt das menschliche Auge Polarlichter wahr?” erläutert, erscheinen Polarlichter in einer mondlosen Nacht meist nur auf dem Kamerasensor grün, weil wir dann nicht fähig sind Farben zu erkennen. Aus eigener Erfahrung können wir da nur sagen: Das schmälert das Erlebnis an sich sehr! Bei einer schwachen Aurora und Neumond macht das reine “Zuschauen” eher keinen Spaß. Und viele werden es nicht mal mitbekommen, dass am Himmel überhaupt etwas los ist. Als im isländischen Hochland ein Ehepaar gerade durch die Hoteltür kam und sich bei der Rezeptionistin erkundigen wollte, wie denn die Chancen stehen, in der Nacht Polarlichter zu sehen, musste ich ziemlich schmunzeln und meinte dann nur zu ihnen: “Schaut nochmal vor die Tür. Diese ganzen grauen Wolken da draußen sind Polarlichter! :)
Es war sogar eine tolle Show, die sich in jener Nacht am Firmament abspielte, aber unsere Augen konnten da nichts sehen außer “eigenartig pulsierende, graue Wolken”.
-> Daher Tipp Nr. 1 (den ich auch dem Ehepaar in Island gegeben habe): Unbedingt mit der Kamera Probefotos machen!

Wenn die Lichter stärker werden, sieht die Lage schon etwas besser aus. Dann erkennt unser Auge langsam auch etwas Farbe. Und hat man das Glück einen richtig großen Sonnensturm miterleben zu dürfen, dann wird es selbst in einer Neumondnacht erstaunlich hell. Mitunter so hell, dass man keine Taschenlampe mehr zur Fortbewegung benötigt. Die Tiere werden dann auch meist unruhig und die Vögel fangen zum Zwitschern oder gar zum Herumfliegen an. So sind die Lichter bei Neumond auch aus der Sicht eines “Zuschauers” wirklich beeindruckend. Und beim Fotografieren herrschen dann schon fast ähnliche Bedingungen wie bei Mondschein.

Bei Neumond erscheinen die Polarlichter oftmals in etwas blasseren Grüntönen am Himmel.Solch ein Szenario tritt nur leider viel seltener auf, als man es sich wünschen würde. D.h., bei geringen Kp-Werten ist in Island davon auszugehen, dass das Festhalten der Polarlichter bei Neumond einem auch vor etwas größere Herausforderungen stellt. 30s und ISO 2500 sind dann eher die Regel als die Ausnahme. Sternspuren werden fast unvermeidlich und wenn sich die Lichter rasch bewegen, gehen bei so langen Belichtungszeiten dann auch die schönen Strukturen und Details gänzlich verloren. Es wird alles nur noch als “grüner Matsch” abgebildet, wenn man die ISOs nicht noch weiter raufschraubt. Aber das ist leider noch nicht alles, unter diesen Bedingungen sind z.B. die schönen Spiegelungen in Gewässern meistens viel zu dunkel. Der Einsatz der unter “Tipps & Tricks” bereits beschriebenen “Magic Cloth” Technik (Abdunkeln der oberen Bildhälfte) wird erforderlich, was die ISO-Werte abermals in die Höhe treibt.

Auch das Thema “Fokussieren” spielt bei Neumond noch eine viel größere Rolle (siehe Abschnitt “Scharfstellen” oben) sowie das Finden einer ansprechenden Komposition. Ist man gerade in einer Gegend unterwegs, in der kein Schnee liegt und wo es weit und breit kein windstilles Gewässer gibt, hat man ziemlich schlechte Karten. Immer dieselbe pechrabenschwarze Bergsilhouette wirkt schnell langweilig. Daher an dieser Stelle noch zwei weitere sehr wichtige Tipps bei Neumond:
-> unbedingt tagsüber den Fokuspunkt für “Unendlichkeit” ausfindig machen
-> unbedingt tagsüber ausgiebig scouten (Wo liegt Schnee, der reflektieren könnte? Wo gibt es ein Gewässer, in dem sich die Lichter gut spiegeln werden? Und wo gibt es vielleicht noch interessante Strukturen am Ufer dieses Gewässers? Oder wenig beleuchtete Gebäude, die als Vordergrund einsetzbar wären? Oder markante Strukturen wie z.B. ein Felsbogen? )

Polarlichter aufgenommen bei Vollmond (30 s, f/2.8, ISO 1600, Canon EOS 5D Mark III, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM bei 30 mm)Wer seine Hausaufgaben nicht gemacht hat (allen voran den letztgenannten Punkt verabsäumt), der könnte nachts dann wenig Spaß beim Fotografieren haben. Zumindest ist es uns im September 2015 in der Gegend rund um den Lake Myvatn so ergangen. Schnee lag noch keiner, das große Gewässer ohne besondere Konturen war schnell uninteressant geworden, ebenso die kleineren Tümpel. Erst als wir einen Bereich mit zwei sich darin spiegelnden Felsbögen (Foto links) entdeckten, waren wir wieder happy! Auch keine schlechte Idee bei Neumond sind kleinere Ortschaften, in denen es nur wenig Lichtverschmutzung gibt und wo vielleicht das ein oder andere interessante Gebäude steht. Indirektes Licht sorgt dort dafür, dass der Vordergrund etwas besser ausgeleuchtet ist bzw. am Foto sichtbar wird. Das Bild oben rechts zeigt ein einsames Haus auf Snaefellsnes bei Neumond (uns gefällt aber die “Variante mit Mond” von dort besser) und die Kirche in Hellnar am ersten Bild gleich am Beginn dieses Blogs wurde ebenfalls ohne Mondlicht aufgenommen.

Fazit: Das Fotografieren von Polarlichtern ohne Mond ist um vieles anspruchsvoller. Die Bildqualität nimmt rasch ab (hohe ISO-Werte, Sternspuren), sich schnell bewegende “Vorhänge” sind noch schwieriger “einzufrieren” und die Motivfindung wird zur wahren Herausforderung. Für Zuschauer, die nicht fotografieren (z.B. Begleitpersonen) kann man – außer bei einer starken Aurora – generell eine Neumond-Anti-Empfehlung aussprechen.
Einen großen Vorteil hat der Neumond aber auch: Es lassen sich dann selbst noch die allerschwächsten Verfärbungen mit der Kamera einfangen. Und man staunt nicht selten, was da am Himmel für “buntes Zeug” herumtänzelt und unseren Augen völlig verborgen bleibt. Vor allem bei den Rot-, Orange-, Lila- und Blautönen haben wir meistens keine Chance. Grün erkennen wir am einfachsten und auch gelbliche oder rosafarbene Lichter können stark genug sein.

 

Kurze Checkliste fürs Polarlichterfotografieren

  • Kamera (manueller Modus; RAW einstellen!)
  • Weitwinkelobjektiv (korrekt!) auf unendlich fokussiert; Autofokus und Bildstabilisator ausschalten
  • stabiles Stativ
  • zusätzliches Akkus (in der warmen Hosentasche)
  • ausreichend Speicher
  • Taschenlampe
  • wahrscheinlich selbstverständlich: warme Kleidung, gute Schuhe mit dicker Sohle, Kopfbedeckung, Handschuhe und ggf. Taschenwärmer sowie eine Thermoskanne mit heißem Tee
  • die Aurora Forecast im Internet (oder App) im Auge behalten
  • und was man auch immer dabei haben sollte: GLÜCK!

Wobei wir mittlerweile der Ansicht sind, dass man seinem “Polarlichter-Glück” schon auch gehörig auf die Sprünge helfen kann. “WIE?”, das haben wir recht ausführlichen in einem Extra-Blog “Polarlichter beobachten in Island – Tipps & Tricks” beschrieben.

In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern, die schon bald ihre ersten Polarlichter sehen und fotografieren möchten, viel Glück und Spaß! %%-
Isa & Steffen

PS: Die Fotos in diesem Bericht sowie in unserem Polarlichter-Fotoalbum sind die Ausbeute von einer Handvoll Winter-Kurztrips nach Island zwischen März 2013 und März 2017. Weitere folgen hoffentlich noch. Und ja, es könnte schon sein, dass wir ein wenig polarlichtersüchtig geworden sind…! =:)
Und zum Anschluss ein neues, wieder tolles Video von Ole C. Salomonsen: