Vulkanausbruch auf Island – Wanderweg, aktuelle Infos und Videos

Ein Vulkanausbruch mit Ansage. Es war vor etwa 15 Monaten, als sich die Erde rund um die Hafenstadt Grindavík im Südwesten Islands langsam anfing zu heben und zunehmend bebte. Offensichtlich bewegte sich dort Magma unter der Oberfläche. Auf eine etwas ruhigere Zwischenphase folgte eine erneute Zunahme der seismischen Aktivität und Anfang März 2021 wackelte dann die Erde auf der Halbinsel Reykjanes nahezu im Minutentakt. Über 50.000 Beben wurden jetzt während der letzten drei Wochen registriert, einige von ihnen erreichten die Stärke 5 und mehr auf der Richterskala, bei nicht erdbebensicheren Gebäuden kann es da schon zu ernsten Schäden kommen. Das Epizentrum hatte sich etwas weiter nach Osten verlagert und konzentrierte sich nun rund um den Vulkan Fagradalsfjall, Teil des Krýsuvík-Trölladyngja-Vulkansystems das auch für das Dauerblubbern der Schlammtöpfe südwestlich des Kleifarvatn und für die Farbenpracht von Sogin verantwortlich ist. In den umliegenden Ortschaften und in der nur 30 km entfernten Hauptstadt Reykjavik (Luftlinie) war man in Alarmbereitschaft. Wissenschaftler gingen aber von einem eher kleineren Ausbruch aus, der hoffentlich für besiedelte Gebiete keine Bedrohung darstellen sollte.

Vorgestern am 19. März war es dann so weit und kurz vor 9 Uhr abends färbte sich der Himmel über Reykjanes plötzlich knallrot. Mittlerweile kann man per Webcam live dabei sein und zusehen wie ein “Mini-Vulkan” kontinuierlich Lava “spuckt” und dabei immer weiter in die Höhe wächst. Unglaublich friedlich geht alles vonstatten und die glühende klobige Masse im Tal schiebt sich nur ganz langsam voran. Für seinen großen Auftritt hat sich der Vulkan übrigens einen denkbarst günstigen Standort ausgesucht, ein Tal weit abseits der Straßen, Städte und Siedlungen. Anderorts in Island meist ein Leichtes, aber just auf dieser Halbinsel nicht, denn dort wohnen gut zwei Drittel der gesamten isländischen Bevölkerung. Er hat sich auch einen etwas einfacheren Namen als jener im Jahr 2010 ausgesucht: Zentrum des Geschehens ist vorerst eine von kleineren Bergen eingekesselte Erdspalte im Tal Geldingadalur (63.88899, -22.27062; Karte). Die Isländer sprechen daher vom Geldingadalsgos, übersetzt bedeutet das “Ausbruch im Eunuchental”. Ein wunderbarer Name! Und die Aussprache ist kaum besser, hier bei Minute 0:12… :D
Die Blaue Lagune ist 8 km Luftline entfernt und zur nächstgelegenen Ortschaft Grindavík sind es rund 10 km.

Aller Warnungen zum Trotz (höhere Konzentration an giftigen Gasen im Umfeld der Eruption usw.) haben sich gestern im Lauf des Tages immer zahlreiche Schaulustige direkt am Ende der glühenden Masse und auch auf der Anhöhe unmittelbar vor dem kleinen neuen Krater versammelt. Helikopter haben für Nachschub gesorgt und auch Cessnas kreisten regelmäßig über das Gebiet. Hier sieht man wie nahe manche selbst nachts an der Eruption dran waren. Im Internet gibt es sogar Fotos, auf denen ein Isländer dort mit seinem Hund “Gassi gegangen” ist. Andere wiederum ließen ihre Füße aus dem Helikopter baumeln um die Hitze besser zu spüren oder backen ihre Pizza und grillen Würstchen auf dem Naturofen. :D
Alternativ geht es nur mit festen Wanderschuhen hin, ein langer Marsch und das Durchqueren von alten Lavafeldern ist kein großes Vergnügen. Die Straße im Süden (Luftlinie 3 km) wurde aus Sicherheitsgründen gesperrt, vom improvisierten Parkplatz östlich von Grindavík (wo derzeit die Straße #427 endet) sind es 7 km. Mindestens 2 Stunden ist man da locker unterwegs. Update: Am 23.3 haben sie 3,5 km dieser Straße wieder für den Verkehr frei gegeben und die Wanderung dadurch signifikant verkürzt (nur noch 3,5 km one-way). Die aktuellen Straßenbedingungen und -sperren lassen sich hier einsehen.

Den besten Eindruck verschaffen aber Videos:

 

Manch einer mag sich wundern, warum dieser Vulkanausbruch etwas anderes als gewohnt aussieht. In Island bilden sich dort, wo die Eurasiche und die Nordamerikanische Kontinentalplatte aufeinander stoßen, gerne sog. Spaltenvulkane. Statt aus einem zentralen Förderschlot tritt die Lava dann aus einer Erdspalte aus. Im Geldingadalur zu Füßen des Fagradalsfjall ist der Erdboden inzwischen auf einer Länge von etwa 200 m aufgerissen.
Was genau in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten oder sogar Jahren passieren wird, diese Frage vermag keiner zu beantworten. Der isländische Geologe Páll Einarsson meinte gestern in einem Interview, für die Zukunft gibt es eine ganze Reihe von Szenarios und nur ein einziges sei mittlerweile obsolet geworden und zwar jenes, dass es keine Eruption geben wird. Herrlich der isländische Humor! :D
Update 22.3: Mittlerweile gibt es etwas konkretere Aussagen. Man geht davon aus, dass wenn der Lavafluss die 3 m³ pro Sekunde unterschreitet, könnte es das baldige Ende bedeuten. Aber selbst dann sollte man die Hoffnung nicht aufgeben, denn sie kann schon nach nur einer Woche oder einem Monat anderswo einen neuen Weg an die Oberfläche finden. Derzeit schießt sie im Geldingadalur jedenfalls noch mit 5-10 m³ pro Sekunde aus der Erdspalte.

Interessant finde ich vor allem den Blick in die Vergangenheit. Während des Holozäns, dem “Nacheiszeitalter”, kam es auf Reykjanes in regelmäßigen Abständen zu Ausbrüchen. Im Schnitt machten sich die Vulkane alle 900-1100 Jahre bemerkbar, so auch jetzt wieder. Spannend dabei ist vor allem die Tatsache, dass diese unruhigeren Zeiten dann jeweils immer rund 500 Jahre andauerten. So gehen die letzten drei Ausbrüche auf die Perioden 800-1240 n.Chr., 400 v.Chr.-100 n.Chr. sowie 1500-1000 v.Chr. zurück. In diesem Artikel wird der Sachverhalt schön erläutert und eine Übersichtkarte zeigt, welchem Ausbruch die aktuellen Lavafelder auf Reykjanes jeweils zuzuordnen sind.

In der derzeitigen Situation durchaus erfreuliche Nachrichten. Denn wenn die Eruption wirklich 500 Jahre wieder anhalten sollte, dann dürfen wir sogar hoffen… hoffen, dass wir bis dahin auch alle geimpft sind und problemlos wieder in Island einreisen dürfen. ;)
Und dann hat man schon direkt vor der Landung ein kleines Highlight, vorausgesetzt man sitzt auf der richtigen Seite des Fliegers. Und falls der Flughafen aus Sicherheitsgründen doch wieder gesperrt wird, gibt es ja zum Glück noch einen weiteren oben im Norden in Akureyri! Wir dürfen gespannt bleiben… ;)

Update 6.4.: Seit gestern fließt die Lava noch aus einer zweiten Spalte rund 700 m weiter nordöstlich und das zum Teil mit recht hoher Geschwindigkeit sogar. Mit bis zu 10 m/s bewegte sie sich talabwärts (Video). Das ganze Gebiet musste evakuiert werden und heute ist es noch immer sicherheitshalber für alle Besucher gesperrt. Man hat am 24.3. begonnen die Besucher zu tracken, anfangs war mächtig viel los vor Ort -> Statistik.

Update 10.4: Ein lieber Freund hat mir heute einige sehr nützliche Links geschickt, die ich hier unbedingt auch teilen möchte:
Karte mit den neuen Wanderwegen zum Vulkan beim Fagradalsfjall mit toller Simulation zur zeitlichen Abfolge der neuen Lavaflüsse
– ein 3D-Blick auf die zwei neuen Wanderwege
Übersichtskarte mit allen aktuellen Webcams usw.
– sehr gute Info-Übersicht bei safetravel.is (aktuelle Sicherheitshinweise sowie GPX-tracks zu den Wanderwegen usw.)

Update 12.4: ein weiteres schönes aktuelles Video

Update 16.4: Inzwischen ist die Spalte rund 1 km lang und die Lava sprudelt aus weiteren immer mehr in die Höhe wachsenden Kegeln. Heute sind es 7 an der Zahl und sie tragen schon die inoffiziellen Namen Bob, Nar, Rag, Sif, Helf, Ulf, Flo. Auch fließt die Lava neuerdings weniger in Richtung Norden, wo sie sich zuletzt im Tal “Meradalir” ausgebreitet hat, sondern wieder mehr nach Süden und dort z.T. schon über den “Wanderweg A”. Dies hat zur Folge, dass der Fußmarsch jetzt schon um einiges früher endet und man nicht mehr ganz so nahe an die spuckenden Krater rankommt.
Ein lieber Freund war die letzten Tage vor Ort. Es gilt neuerdings ein nächtliches Zutrittsverbot ab 21 Uhr, weil ab 23 Uhr das Rescue Team die Besucher an der Eruptionsstelle vertreibt. Bis 6 Uhr morgens darf dann keiner mehr dort sein. So sind nun auch die Chancen, den Ausbruch mit Polarlichtern zu verewigen schwindend klein, ab Mai sogar unmöglich, weil es nachts gar nicht mehr ordentlich dunkel wird auf der Insel.

Update 23.4.: Hier mal ein schöner Vergleich: die Karte vom ursprünglichen Verlauf des Wanderwegs A (Link) und die neue Karte nach seiner Verlegung (Link).

Update 6.5.: Es klingt unglaublich, aber die Eruption hat sich erneut dramatisch verändert. Die Lava schießt seit einigen Tagen nur noch aus einem Kegel, dafür sind die roten Fontänen wohl bis zu 300 m hoch. Man sieht sie selbst von Reykjavik schon sehr gut, d.h., rund 70% der isländischen Bevölkerung kann das Spektakel ganz bequem “von ihrem Balkon aus” verfolgen. Hier ein absolut beeindruckendes Video von Iurie Belerguschi mit der Kirche in Reykjavik und dem Fagradalsfjall.
Man spricht mittlerweile von einem “Lava Geysir“, denn die Eruption ist nicht mehr kontinuierlich. Sie legt öfters minutenlange Pausen ein. Auch breitet sich die Lava wieder weiter nach Nordosten ins Meradalir aus.