Polarlichter fotografieren – Aurora Borealis in Island

Aurora Borealis aufgenommen in Hellnar in Island (Neumond, 25 s, f/2.8, ISO 1600, Canon EOS 5D Mark II, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM bei 16 mm)Immer wieder locken die sagenumwobenen, bunten Lichtspiele am nördlichen Firmament Schaulustige und Fotografen aus aller Welt zur kältesten Jahreszeit in die kältesten Regionen der Erde. Jeder hofft, sie wenigstens einmal im Leben zu sehen oder mit der eigenen Kamera für die Ewigkeit festzuhalten. Es gibt leider niemals eine Garantie und nicht selten heißt es “außer (eisiger Kälte und) Spesen nichts gewesen”. Aber circa alle 11 Jahre sind die Chancen besonders groß und so zog das Himmelsfeuer dieses Jahr auch uns in seinen Bann. Warum wir uns ausgerechnet für Island bzw. für eine Reise im März entschieden haben und wie leicht oder schwer das Fotografieren von Polarlichtern ist, möchten wir in diesem Blog etwas näher schildern. Und vielleicht auch der einen oder anderen weitverbreiteten Halbwahrheit etwas widersprechen…

Denn hin und wieder liest man im Internet, dass man keine gelbgrünen Lichtschleier und -bänder erwarten darf, sonst würde man vor Ort enttäuscht werden. Auch hieß es kürzlich in einem Fernsehbeitrag, dass das menschliche Auge Polarlichter nur farblos wahrnimmt. Das ist aber schlicht und einfach falsch oder besser: nur die halbe Wahrheit. Denn ob und wie farbig wir diese Leuchterscheinungen am nächtlichen Himmel sehen, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, allen voran von der Stärke der Lichter, dann noch vom Mond bzw. der Umgebung und last but not least von uns selber. Die Helligkeitsgrenze, ab der jeder einzelne von uns in der Nacht Farben sehen kann, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Meiner Meinung nach ein nicht uninteressantes Thema, auf das seltsamerweise so gut wie nie im Zusammenhang mit Polarlichtern eingegangen wird.

Polarlichter-Bögen über den Vestrahorn-Bergen in Island (13s, f/4, ISO 1250, Sony Alpha 7R II, Canon EF 16-35mm 1:2.8 L II USM at 32 mm mit Metabones-Adapter MB_EF-E-BT4)Aber dazu dann noch ausführlicher unter dem Stichpunkt “Wie nimmt das menschliche Auge Polarlichter wahr?”. Vorerst nur soviel: Sie können farbenprächtig sein und zwar herrlich bunt sogar! Die Schilderungen von Augenzeugen sind nur selten übertrieben. Es ist ein einmaliges Erlebnis, das man nur schlecht in Worte fassen kann und das auch Fotos kaum wiedergeben können! Filme wie der ganz unten in diesem Blog werden dem Naturschauspiel schon etwas gerechter, aber die meisten Timelapse und Zeitrafferaufnahmen spiegeln leider auch nicht ganz die Realität wider. Das Schönste ist hier wirklich, das Naturschauspiel mal mit den eigenen Augen zu erleben und genießen! Und allen, die – so wie ich – etwas an Kältephobie leiden, möchten wir in diesem Bericht Island ganz besonders ans Herz legen.

(letztes Update 2. Januar 2023)

Was sind Polarlichter und wie entstehen sie?

Oft bildet sich am nördlichen Horizont ein schöner Lichtbogen aus - Aurora bei der Gletscherlagune Jökulsarlon im Südosten Islands.Früher wurden die Leuchtphänomene am nächtlichen Firmament als Tänze oder Kämpfe der Götter angesehen und im Mittelalter galten sie als Vorboten für drohendes Unheil. Im 17. Jahrhundert prägte Galileo Galilei den Begriff “Aurora Borealis” – wörtlich übersetzt “nördliche Morgenrötung” und benannt nach der römischen Göttin Aurora. Er hielt sie damals allerdings noch für Spiegelungen in der Erdatmosphäre, die erste korrekte wissenschaftliche Aufklärung lieferte der Physiker Kristian Birkeland im Jahre 1896. Heute weiß man, dass die schönen Lichtschauspiele entstehen, wenn nach starken Eruptionen auf der Sonne die in Richtung Erde geschleuderten, energiereichen Teilchen in unsere Atmosphäre eindringen und dort auf die Luftmoleküle stoßen. Den eintreffenden Sonnenwind umgibt ein schwaches sog. “interplanetares Magnetfeld” (IMF), das mit jenem unseres Planeten interagiert. Die geladenen Teilchen werden stark in Richtung geomagnetischer Pole abgelenkt, wo sie dann dank fast senkrecht zur Erdoberfläche verlaufender Magnetfeldlinien tiefer in die Atmosphäre eindringen und Luftatome zum Leuchten anregen können. Dabei bildet sich ein großer Lichter-Ring rund um die magnetischen Pole unserer Erde aus. Dieses sog. Polarlichtoval konzentriert sich in der Regel auf den Bereich zwischen 70° und 80° geomagnetischer Breite. Nimmt die Stärke des Sonnenwinds jedoch plötzlich zu, verbreitet es sich und reicht entsprechend weiter in südlichere Gefilde. Das Polarlichtoval tritt meist sowohl auf der Nordhalbkugel (Nordlichter bzw. Aurora borealis) als auch in der Antarktis auf (Südlichter bzw. Aurora australis) auf.

Mit etwas Glück lösen sich aus diesem grünen Bogen plötzlich mehrere tanzende Polarlicht-Bänder, die dann langsam oder auch schneller über den ganzen Himmel wabern können.Je nach Intensität des Sonnenwindes kann der Himmel dann nur kurz oder aber auch über mehrere Stunden hinweg “glühen”. Typisch ist ein einzelner großer grüner Lichtbogen, der nach Einbruch der Dunkelheit den nördlichen Horizont überspannt und mitunter für lange Zeit dort relativ friedlich verharrt. Weitaus interessanter sind aber die dynamischen Erscheinungen: Denn der grüne Bogen kann er sich jederzeit in Sekundenschnelle auflösen, zum Tänzeln anfangen, mehrere Bänder ausbilden und schließlich in Form von zahllosen schleierartige Vorhängen “vom Himmel fallen”. Selten, aber absolut genial ist eine sog. Aurora Corona, die sich meist im Zenit ausbildet und dann blumenartig bzw. wie ein “Zirkuszelt” auf den Betrachter herunterschießt. Ihr zugrunde liegt eine optische Täuschung: Parallele Linien nähern sich – ähnlich wie Eisenbahnschienen – mit zunehmender Entfernung immer mehr an. Dieser ganz besonders faszinierenden Aurora-Form habe ich in einen Extra-Blog gewidmet -> “Was ist eine Aurora-Corona?” (mit Fotos).

Die Farben der Aurora
Die über den Himmel wabernden Lichter können rasch ihre Farbe, Form und Helligkeit ändern. Das Farbspektrum reicht meist von Weiß, Gelb, Grün, Lila bis hin zu recht grellem Rosarot. Dieses Video zeigt wie Polarlichter vom Weltall aussehen – total faszinierend!
Aus der Interaktion des Sonnenwinds mit Sauerstoff in etwa 100-200 km Höhe resultiert jenes grünes Glühen, das man am öftesten sieht. Die Physik dahinter ist einfach erklärt: Die eintreffenden Elektronen regen die Atome an und nach gerade mal 0,7 s geben diese die Energie in Fom von Photonen (Lichtquant) ab.
Werden die Partikelchen besonders schnell beschleunigt, entsteht unterhalb der grünen Bögen noch ein schmales lilafarbenes Band in nur noch 80 km Entfernung vom Betrachter, das sich strichartig und sehr rasch über den Himmel bewegen. Dieses kommt vom Zusammenstoß mit dem dort reichlich vorhandenem Stickstoff, der rot und blau (also zusammen dann lila/pink) leuchtet.
Anders die Lila- und Blautöne oberhalb des Grüns, diese werden nicht nur durch angeregte Gasmoleküle und -atome erzeugt. Dort handelt es sich vielmehr um Streulichtphänomene, wenn die Sonne nach ihrem Abtauchen unterhalb des Horizonts noch die Bereiche weiter oben in der Erdatmosphäre und somit auch die Aurora etwas anstrahlt (“sunlit aurora”). Bei extremen Sonnenstürmen kann es außerdem noch zu einer sog. Blutaurora (“blood aurora”) kommen. Sie entsteht nur dann, wenn extrem viele Elektronen auf einmal auf die Erde niederprasseln (hohe “density”-Werte!) und sie vom Magnetfeld nur wenig beschleunigt werden. Dann interagieren sie schon mit dem atomaren Sauerstoff weit weit draußen in der Atmosphäre in 200-400 km Höhe und verursachen dabei ein rötliches – mitunter sogar knallrotes – Leuchten. Es handelt sich um ein sehr seltenes Event, das alle paar Jahren auftritt. D.h., wer eine Blutaurora sieht, kann sich glücklich schätzen! Meist sind die Lichter dann so stark, dass sie selbst noch in mittleren Breiten zu beobachten sind.
In den meisten Fällen bleibt dieser obere Teil der langen Auroravorhänge aber sehr unauffällig, denn die Sauerstoffatome benötigen bis zu 2 s – also vergleichweise lang – um das Licht zu emittieren. Dabei bewegen sie sich, so dass das Ganze dann keine klaren Strukturen (Striche) aufweist, sondern eher verschwommen aussieht.
Wer mehr über die Entstehung der unterschiedlichen Aurora-Farben erfahren möchte, dem empfelle ich diesen interessanten Artikel vom amerikanischen National Park Service -> The Colors of the Aurora.

Es gibt übrigens drei Arten von Polarlichtern. Neben den ganz “normalen”, die ich in diesem Bericht beschreibe, treten häufig in den frühen Morgenstunden und bei abklingenden Sonnenstürmen auch noch pulsierende Polarlichter auf (hier näher beschrieben -> “Pulsierende Polarlichter – wenn der Himmel seltsam blinkt“). 2020 ist man möglicherweise noch einem weiteren rätselhaften Leuchtphänomen auf die Spur gekommen, sog. “Dünen“, die in nur etwa 100 km Höhe entstehen, aber sich nicht in Richtung Erde bewegen, sondern “dünenartig” und im 90°-Winkel zu den tanzenden Bögen (-> Video).

 

Wann findet ein SolarMax statt?

Bunte Aurora Borealis am südlichen Horizont am Eisbergstrand in Island während des Solarmax 2013-15 mit einem Kp-Wert von 5.Die Häufigkeit der nächtlichen Lichtershow ist in erster Linie abhängig vom Aktivitätszyklus unserer Sonne, der im Schnitt alle 11 Jahre eine mehrmonatige, maximale Phase durchläuft. Während dieses Zeitraums kommt es zur Ausbildung von komplexen Sonnenflecken (sunspots) und sehr starken Eruptionen (Koronaler Massenauswurf, coronal mass eruption CME), bei denen besonders viele für Polarlichter verantwortliche Teilchen in Richtung Erde geschleudert werden. Die Chancen eine Aurora zu beobachten sind während eines SolarMax ungleich höher als während eines normalen Jahres und liegen dann mitunter bei 90%.

Das vorletzte SolarMax im Sonnenzyklus Nr. 23 fand 2001 statt. Die darauffolgende Nr. 24 hatte einen eher ungewöhnlichen Verlauf. Anstelle eines eindeutigen Maximums, bildete sich 2012/2015 ein “twin peak” aus, mit einem ersten Höhenpunkt im Februar 2012 und einem zweiten, noch höherem Peak im April 2014, der sich auch noch im Winter 2014/2015 deutlich bemerkbar machte. Und dass die Show selbst in 2015 noch lange nicht vorbei war, zeigten die unglaublichen Sonnenstürme vom 17. März 2015 (Kp=8,33) und 22./23. Juni 2015 (Kp=8,67 -> sichtbar bis Rumänien!).
Seit einiger Zeit wird auch beobachtet, dass die Maxima der Polarlichterhäufigkeit meistens sogar erst NACH dem Maxima der Sonnenfleckenzahl liegen. Denn neben Sonnenflecken sorgen auch sog. Koronale Löcher (coronal holes) für tolle Lichtershows.

Eine recht anschauliche Darstellung der letzten SolarMaxs mitsamt Vorschau liefert die NASA oder noch besser diese NOAA-Seite, wo man schön erkennen kann, dass der derzeitige Sonnenzyklus Nr. 25 einen recht guten Start hingelegt hat. Man darf also hoffen! %%-
Das nächste Solarmax wird für 2024/25 vorhergesagt. Wie sich aber die unterschiedlichen Prognosen zur Anzahl der Sonnenflecken oftmals widersprechen, sieht man hier.

 

Wie nimmt das menschliche Auge Polarlichter wahr?

Bei den starken Polarlichtern im Geothermalgebiet Namaskard im Nordosten Islands waren die bunten Farben (grün, rosa, gelb und weiß) nicht nur am Kamerasensor zu erkennen sondern auch mit bloßem Auge schon (Vollmond, 13 s, f/4, ISO 1250, Canon EOS 5D Mark II, Canon EF 17-40mm 1:4 L II USM).Erst kürzlich wurde in einer Island-Doku behauptet, dass Polarlichter immer farblos für das menschliche Auge erscheinen. Da haben wir uns sehr gewundert, denn wir hatten das doch ganz anders erlebt und das nicht nur einmal, sondern mehrfach! Und so kam es, dass ich mich auch mit diesem Thema etwas auseinandersetzen musste. Tatsache ist, dass in unserem Auge nachts vor allem die Stäbchen aktiv sind und dass diese unsere Wahrnehmung auf schwarz-weiß reduzieren (Skotopisches Sehen). Aber das Sprichwort “Nachts sind alle Katzen grau” gilt nur so lange der Mond nicht scheint oder stärkere Polarlichter am Himmel tänzeln. Denn dann ist die Umgebung ausreichend hell, so dass wir wieder Farben sehen können. D.h., eine starke Aurora ist keineswegs nur für die Kamerasensoren grün! Ganz im Gegenteil und diese sagenhaften Grüntöne sieht unser Auge dann nicht nur am Himmel, sondern auch in spiegelnden Seen oder am grün glitzernden Eis und Schnee! Die Aufnahme rechts oder das nächste Bild unten spiegelt das Szenario in der Nacht vom 28. auf den 29. März 2013 am Lake Myvatn ziemlich 1:1 wider. Das Grün ist vielleicht nicht ganz so grell wie in der Kamera, aber doch recht lebhaft.

Die Leuchtdichte, bei der wir nachts anfangen Farben zu erkennen, ist allerdings von Mensch zu Mensch verschieden. Der Nachthimmel bei Vollmond liegt aber im Bereich von 0,1 cd/m², also doch deutlich oberhalb der Untergrenze, ab der erste Farbwahrnehmungen beginnen (0,005-0,03 cd/m2). Eine sternklare Neumondnacht hingegen reicht hier nicht aus (0,001 cd/m2), d.h., dann müssen die Polarlichter stärker sein. Generell können sie aber eine Leuchtdichte bis zu 0,03-0,05 cd/m2 aufweisen und theoretisch selbst in einer Neumondnacht für das menschliche Auge grün erscheinen (bzw. rosa/pink wenn sie ganz besonders schnell tanzen; siehe oben unter “Die Farben der Aurora”).

D.h., die Aussage “Polarlichter sind für uns farblos” stimmt nur, wenn diese in einer stockfinsteren Nacht auftreten und außerdem schwach sind. Dann nehmen wir die Aurora in der Tat nur als “weiße Schleierwolken” wahr und wenn sie extrem schwach ist, oftmals nicht einmal als solche. Wer in so einer Nacht den Fotoapparat gen Himmel hält, könnte aber trotzdem eine Überraschung erleben! Der Kamerasensor ist in der Dunkelheit weitaus farbempfindlicher als das menschliche Auge und kann Dinge festhalten, die uns leider völlig verborgen bleiben.

Wir nehmen auch nicht alle Farben gleich gut wahr, so muss z.B. eine Blutaurora (siehe oben “Die Farben der Aurora”) über 10x stärker sein, damit sie genauso gut sichtbar werden wie die grünen Leuchterscheinungen. Besonders schwer zu erkennen sind auch sog. “pulsierende Polarlichter“, die nicht als Bögen in Erscheinunung treten, sondern eher wie diffuse “graue Flecken” geisterhaft herumflackern.

 

Wo kann man Polarlichter am besten sehen/fotografieren?

Dank des Golfstroms und der geothermalen Aktivität frieren viele Seen in Island nicht zu. Wenn man auch noch das Glück hat, dass es einigermaßen windstill ist, dann spiegeln sich Polarlichter herrlich schön in den Gewässern.Auroras treten vor allem in den Polarregionen auf, so dass sich ein Beobachtungspunkt rund um den 60° Breitengrad empfiehlt (Polarkreis). Yukon und Alaska gelten als populäre Ziele in Übersee und in Europa sind die skandinavischen Länder extrem beliebt, allen voran der Norden Norwegens und die Polarlichter-Hauptstadt Tromsö. In Nordamerika liegen Whitehorse (Yukon) oder Anchorage (Alaska) deutlich weiter weg vom Polarkreis als z.B. die gesamte isländische Insel. Man sollte dabei allerdings nicht vergessen, dass das Aurora Oval trotzdem selbst im Süden von British Columbia oder Alberta in Kanada oft gar nicht schlecht aussieht, weil der magnetische Nordpol ja nicht mit dem geographischen übereinstimmt! Wirklich mies hingegen sieht es auf der Südhalbkugel aus: Süd-Lichter gibt es vor allem in der Antarktis und nur recht selten reichen sie bis nach Patagonien oder Neuseeland. Am ehesten sieht man sie in Tasmanien.

Eine sehr große Rolle spielt auch die Jahreszeit. Im Frühling werden die Nächte am Polarkreis spürbar kürzer und die Chance für eine erfolgreiche Polarlichterjagd somit auch immer geringer. Schon Ende April wird es in Island nicht mehr wirklich dunkel. Den Sommer über treten Nordlichter zwar auch auf, aber man wird sie dort aufgrund der Dauerhelligkeit nicht sehen können. Optimal ist also der Zeitraum zwischen Mitte September bis Ende März.

Die Wochen unmittelbar VOR und NACH der Tag- und Nachtgleichen (Äquinoktien um den 20. März oder 22. September) gelten sogar als ganz besonders polarlichteraktiv, da dann die Schrägstellung der Erdachse das Zusammenspiel zwischen dem Magnetfeld des Sonnenwinds und der Erde begünstigt.

Und wenn man den Statistiken Glauben schenken darf, so sind auch die Aussichten auf stabilere Schönwetterphasen zum Winterende hin am besten, d.h. im Februar/März. Ein möglichst wolkenfreier Himmel ist für die Polarlichterbeobachtung DAS WICHTIGSTE überhaupt. Denn der Sonnenwind bläst konstant – mal stärker, mal weniger stark – so dass man in nördlichen Breiten selbst in klaren Nächten mit geringster Polarlichteraktivität noch meist einen grünen Bogen am Horizont wahrnehmen kann! Schlechtwetter hingegen ist die Katastrophe schlechthin. Nichts ist frustrierender, als eine bombastische Aurora, die man durch eine dichte Wolkendecke durchschimmern sieht und dennoch nicht wirklich beobachten kann (Foto rechts). In diesem Punkt liegen die skandinavischen Länder im Vorteil, dort ist im Winter das Wetter meist stabiler als auf der Atlantikinsel.

Anhand dieses Fotos am Kirkjufell sieht man deutlich, dass die Wetterprognose mindestens so wichtig ist wie die Polarlichtervorhersage. Es ist irgendwie frustierend, wenn man die Lichter stundenlang zwar durch die Wolken erahnen kann und doch nicht richtig sieht.Mal abgesehen vom Breitengrad und der Jahreszeit gibt es auch noch eine weitere, sehr wichtige Voraussetzung für eine gute Polarlichterbeobachtung: ein guter Standort. Dieser sollte sich am besten fernab von Städten befinden und der Blick muss möglichst offen sein, so dass man den gesamten nördlichen Horizont von West nach Ost im Visier hat. Im sehr dünn besiedelten Island ist das in der Regel kein Problem, dort kann man sich oft einfach schon wenig abseits der Ringstraße postieren. Wunderschön ist vor allem die Jökulsarlon Eislagune im Südosten der Insel, wo man vom Parkplatz aus direkt nach Norden blickt und die Eisberge im Vordergrund hat. Unendlich gut hat es uns auch in der Gegend rund um den Lake Myvatn gefallen: mystisch bei Namaskard zwischen den fauchenden Fumarolen und herrlich die Spiegelungen in den kleinen Tümpeln und Seen. Und das ist etwas das man am Standort “Island” vielleicht noch hervorheben sollte: Dort gibt es selbst im Winter noch stehende, offene Gewässer, in denen sich die Lichter spiegeln. Zum einen wegen der geothermalen Aktivität und dann auch schlicht und einfach, weil das Klima an der Südküste – dank des Golfstroms – oftmals deutlich milder als in anderen Ländern diesen Breitengrads ist. Außer im Norden des Landes hat man generell gute Chance Polarlichter bei Temperaturen um den Gefrierpunkt zu erleben. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel, wir hatten Weihnachten 2022 auch mal -24°C an der Südküste. Kein echtes Vergnügen mehr! ;)

Womit wir gleich beim nächsten Thema wären: das Frieren! Ich bin sehr kälteempfindlich und während andere Leute (Steffen z.B.) sogar mit Sandalen im Schnee spazieren gehen können, frieren bei mir schon sämtliche Gliedmaßen ab … Die Nächte in Norwegen, Finnland oder Alaska sind bitterkalt. -30°C oder noch weniger, eisige Stürme und Probleme mit dem Fotoequipment sind dann keine Seltenheit. Akkus werden im Nu leer, die Linse friert zu und das Fernauslöserkabel wird unbeweglich steif. Irgendwie nicht unser Ding! ;) Aber im März an der isländischen Südküste darf man nachts bereits mit relativ angenehmen Bedingungen rechnen. Island im Spätwinter war/ist für uns sozusagen der perfekte Kompromiss aus vielen Sehenswürdigkeiten tagüber, tollen Polarlichtern nachts und alles mit möglichst wenig eisiger Kälte.

Und um zu guter Letzt noch mit einer weiteren Mär aufzuräumen, ja man kann auch -> Polarlichter im Sommer sehen. Aber wirklich nur mit viel Glück. ;)

 

Kann man Polarlichter auch in unseren Breitengraden beobachten?

Rosa Polarlichter aufgenommen bei Neumond - 30 s, f/3.2, ISO 1600, Canon EOS 5D Mark III, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USMJa, aber nur sehr selten und dann verschwinden sie gern unter den Lichterglocken der Städte und Dörfer. Angeblich kommt es auch in Deutschland während eines SolarMax zu bis zu 20 Aurora Borealis Erscheinungen pro Jahr (2001 sollen es z.B. in Summe 22 gewesen sein). Die Aurora sieht allerdings meist gänzlich anders aus, als das was man aus der Polarregion gewöhnt ist. Sie wirkt hierzulande deutlich diffuser, ist eher rötlich oder pink und auf Fotos mitunter schwer von einer städtebedingten Lichtverschmutzung zu unterscheiden. In unseren Breitengraden können die geladenen Sonnensturmteilchen nicht so tief in die Atmosphäre eindringen und regen den Sauerstoff bereits in 200 km Höhe oder den Stickstoff an, so dass grüne Bögen extrem selten sind und bestenfalls weit unten am nördlichen Horizont auftreten.

Unter polarlicht-archiv.de kann man sich anschauen, wann und wie viele Auroras bei uns in Mitteleuropa aufgetreten sind und unter “Alle Sichtungen” gibt es meist auch ein paar Fotos dazu. Eine Prognose für Deutschland findet man auf den Webportalen sonnen-sturm.info oder polarlicht-vorhersage.de und einen Blick auf den Bewölkungsgrad ermöglicht sat24.com.

Linktipp: Auf dieser Graphik von der NOAA ist dargestellt, wie weit nach Süden die Aurora bei einem bestimmten Kp-Wert gut(!) sichtbar ist. Tatsächlich sind sie aber noch viele Hunderte von Kilometern weiter südlich zu sehen, rücken dabei aber immer näher an den nördlichen Horizont.

 

Polarlichter-Vorhersagen

So kann es einem in Island ergehen: Bei unserer herrlichen Polarlichter-Nacht am Lake Myvatn im März 2013 stand die Aurora-Borealis-Vorhersage noch am späten Nachmittag auf Kp=0! Abends wurde sie auf Kp=1 korrigiert, aber der Show, die sich da stundenlang über unseren Köpfen abgespielt hat, würde ich eher 10 von 10 Punkten verleihen! ;-)Aurora-Vorhersagen beruhen auf der Beobachtung von Sonneneruptionen und der Messung der Stärke des Sonnenwindes. Findet der Koronale Massenauswurf in Richtung Erde statt, treffen die Sonnenstürme je nach Geschwindigkeit meist nach 2-5 Tagen auf der Erde ein, extrem selten auch nach bereits 24 Stunden. Sie können generell nur kurzfristig und auch nur grob vorhergesagt werden. Vom Wetter werden Polarlichter nicht beeinflusst, da sich das Geschehen in der Ionosphäre bzw. rund 100-400 km von der Erdoberfläche entfernt abspielt. Was allerdings passieren kann und das leider nicht selten: bei schlechtem Wetter wird man sie nicht von der Erde aus beobachten können, weil dichte Wolken die Sicht blockieren.

Für Island gibt es im Web zwei Wettervorhersagen: belgingur.is und vedur.is, letztere kombiniert beide Vorhersagen (Aurora + Bewölkung) gleich miteinander. Bei beiden Portalen sieht man unter “cloud cover” (isländisch “skýjahula”), auf welcher Seite der Insel die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, um erfolgreich Polarlichter zu beobachten (dunkelgrün bzw. dunkelgrau = total bewölkter Himmel, weiß = wolkenfrei). Achtung aber bei vedur.is, wer dort nicht “composite” wählt, bekommt nur die “low & mid-level clouds” angezeigt. Die “high clouds” können aber beim Fotografieren ebenso gewaltig stören, zum einen lassen sie die Aurora “vermatschen” und zum anderen erscheinen diese Wolken bei Mondschein strahlend weiß auf allen Bildern. Vom schönen Grün bleibt dann oft nicht mehr viel übrig …

Praktisch ist bei beiden Webseiten jeweils der Regler, mit dem man sich den Bewölkungsgrad zu jeder beliebigen Tageszeit anschauen kann. Und diese “Cloud”-Prognosen sind oft erstaunlich akkurat und das sogar einige Tage im Voraus. Aber sie können leider auch total versagen. Und gar nicht so selten kommt es vor, dass sich die zwei isländischen Wetterdienste widersprechen. Immer wenn das der Fall war, hat unsere Reise meist in das Gebiet geführt, zu dem sich beide einig waren.

Selbst bei niedrigen Kp-Werten überspannt oftmals ein grüner Lichtbogen den nördlichen Horizont - Polarlicht auf der Snaefellsnes-Halbinsel im Westen Islands.Die Stärke der Polarlichter wird in folgenden Einheiten angegeben: 0=minimum, 1=quiet, 2=low, 3=moderate, 4=active, 5=high usw. Bei einem Kp-Index von 3 oder 4 erlebt man in Island bereits ein wahres Feuerwerk am Himmel, das stundenlang anhalten kann. Aber selbst bei einer prognostizierten “0” oder “1” sollte man nachts doch hin und wieder einen Blick aus dem Fenster riskieren. Denn ein Kp=1 oder 2 reicht selbst an der isländischen Südküste (unterhalb des 64. Breitengrades) mit etwas Glück für ein unvergessliches Erlebnis aus!
Für alle, die noch etwas mehr zu diesem Thema lesen möchten, habe ich noch einen ausführlicheren Bericht geschrieben -> Island – Welchen Kp-Index benötigt man für schöne Polarlichter?

Polarlichter können außerdem sehr unvermutet auftreten. Und so kam es, dass einige unserer bislang schönsten und längsten Aurora-Erlebnisse ausgerechnet in Nächten stattfanden, wo die Vorhersage bei vedur.is noch am späten Nachmittag auf “0” stand! Abends wurde sie auf “1” korrigiert, nachts dann auf “3” oder “4” und der Show, die sich um Mitternacht stundenlang über unseren Köpfen abgespielt hat, würden wir sogar eher 10 von 10 Punkten verleihen. Näheres zur Nacht am Lake Myvatn in unserem -> Island-Reisebericht vom März 2013. Und über die Unzuverlässigkeit der Aurora-“Propheziehungen” habe ich mich bei der Winter-Tour 2014 etwas ausgelassen…

Eine weitere grobe Orientierung bieten die Space Weather Alerts, die Ovation Aurora sowie die 3-Tage-Vorhersage von der NOOA. Interessant ist meist auch der Blick auf die neuesten Polarlichter-Bilder bei den Facebook-Gruppen “Aurora Hunters Iceland” und “Aurora Island“. Manche Hotels in Island bieten einen “Wake up call”-Service an. Mit anderen Worten, sobald das Personal oder ein Besucher draußen tänzelnde Lichter beobachtet, wird man auch geweckt.

Nur bedingt nützlich sind die allermeisten der für Smartphones (Android/iOS) erhältlichen Apps. Sie warnen zwar, wenn ein bestimmter Kp-Wert erreicht ist, den man selber einstellen kann, ABER das sind nicht selten reine “Hausnummern”. Nur allzu oft haben wir anhand des ungünstigen Bz-Wertes gewusst (Ausführliches dazu im nächsten Kapitel “für Fortgeschrittene”), dass sich während der nächsten Stunde rein gar nichts am Himmel abspielen kann und wird. Und trotzdem haben uns die Apps eine tolle Meldung nach der anderen angezeigt: “In 0 hour and 16 minutes, the aurora is predicted to be kp 3.67”, “In 0 hour and 31 minutes, the aurora is predicted to be kp 4.0” usw. D.h., diese Apps sind leider nichts weiter als eine “grobe Orientierung”, meistens nicht mal das.

Schwierig zu verewigen, aber ein wahnsinnig tolles Erlebnis war die Aurora im Geothermalgebiet Hverarönd zu Füßen des Namasfjall im Nordosten von Island.Den ein oder anderen könnten auch längerfristige Polarlichter-Vorhersagen interessieren. Unsere Sonne dreht sich in 25 Tagen einmal um ihre eigene Achse, so kann man darauf hoffen, dass eine mächtige, der Erde zugewandte eruptive Zone (Sonnenflecken oder ein koronales Loch) nach dieser Zeitspanne noch immer aktiv ist und erneut einen starken Sonnensturm in Richtung Erde schickt. Allerdings gibt es – physikalisch bedingt – eine beachtliche zeitliche Schwankung, je nachdem wo sich diese auf unserer Sonne befindet: Jene in Äquatornähe hat eine Umlaufperiode von etwa 24 Tagen, die in 28° Breite (wo sich die meisten Sonnenflecken ausbilden) benötigt 27 Tage und in Polregionen sogar bis zu 35 Tage. Und es handelt sich ebenfalls um sehr, sehr vage Vorhersagen! Mehr zum Thema -> Langzeit-Vorhersagen für Polarlichter in einem Extra-Blog von mir.

Last but not least, von 22-2 Uhr soll die beste Tageszeit sein. Unsere Erfahrung in Island war eher: Hauptsache dunkel und nahezu wolkenfrei, dann sieht man sie mitunter sogar unmittelbar nach Sonnenuntergang schon oder um 5 Uhr morgens noch immer… Und nicht nur das, in den Dämmerungsphasen bzw. zur “Blauen Stunde” können Polarlichter ausgesprochen schön aussehen und sie sind obendrein leichter zu fotografieren!

Tipp: Neuerdings (Update Sommer 2020) gibt es in Island Aurora Webcams. Sie dienen als guter Anhaltspunkt, ob und wann es sich lohnt hinauszuschauen. Vor allem wenn es kalt ist, mag man vielleicht nicht dauernd rausgehen, um selber Probefotos zu machen. Und auf den Webcams wird selbst ganz schwaches Grün sichtbar, das das menschliche Augen nicht erkennen kann.

 

Polarlichter-Vorhersagen (für “Fortgeschrittene”)

Bei diesen fast die ganze Nacht tanzenden Polarlichtern im März 2014 lautete die Prognose auf der offiziellen isländischen Seite verdur. is noch am Abend Kp=0. Hier kann man leider nur selber immer wieder in regelmäßigen Abständen den nächtlichen Himmel beobachten. Am besten aber mit der Kamera, diese erfasst dir Polarlichter deutlich früher als das menschliche Auge.Wer sich nicht auf die “Kaffeesatzleserei” der meisten Apps und Prognose-Webseiten verlassen und sich etwas intensiver mit der Materie auseinandersetzen möchte, hat noch andere Möglichkeiten. Denn fast noch wichtiger als sämtliche Vorhersagen, ist in Island der IST-Zustand, ein Real-Time-Wert (die oben verlinkten Webcams funktionieren ja nicht immer…). Das Leirvogur Magnetic Observatory, nördlich von Reykjavik angesiedelt, aktualisiert auf seiner Webseite die Messdaten alle 10 Minuten (meist um 13:02, 13:12, 13:22 usw.). Ausschlaggebend sei dort vor allem die horizontale Komponente des Erdmagnetfelds, hat man uns erklärt: Zeigt der mittlere H-Graph nur eine ruhige Linie, ist nichts los am Himmel. Geht es dort allerdings plötzlich steil bergab oder schwankt die Kurve wild auf und ab, sollte man a.s.a.p. sein Stativ draußen aufstellen gehen. Diese Messung ist sehr akkurat und der Zeitpunkt, an dem die Kurve besonders schnell absackt, stimmt immer exakt mit den allerbesten Shows überein.

Wir schauen uns aber auch gern die entscheidenden Parameter für die Entstehung von Polarlichtern selber an. Man findet diese unter “Real Time Solar Wind” oder auf der “Geospace Timeline der NOAA” (mit der Auswahl “3 Std”, “1 Tag” etc. zum Anklicken unterhalb der Graphik). Beide zeigen die Daten an, die aktuell vom Satelliten DSCOVR (Deep Space Climate Observatory) übermittelt werden, der zwischen Sonne und Erde stationiert wurde (1,5 Mio. Kilometer von uns entfernt). DSCOVR erlaubt der NOAA das Eintreffen der Sonnenwinde auf der Erde schon in etwa eine Stunde vorher zu detektieren bei Sturm-Geschwindigkeiten um die 400 km/s. D.h., ab dem Zeitpunkt sind Prognosen keine “Kaffeesatzleserei” mehr und man weiß dann tatsächlich mit etwa einer Stunde Vorlauf, wie es auroramäßig aussehen wird!

Interessant sind bei diesen Messungen in erster Linie:

  • der Vektor Bz, denn dort ist meist ein negativer Wert (“starke südliche Ausrichtung des Interplanetaren Magnetfelds IMF“) notwendig, damit auch wirklich gut sichtbare Polarlichter zustande kommen. Bei positiven Werten treffen die Teilchen mit einer ungünstigen magnetischen Ausrichtung ein und – außer bei ordentlichen Sonnenstürmen – kommt es so zu kaum Interaktionen mit dem Erdmagnetfeld und auch zu keiner Aurora. Für Polarlichter in Deutschland muss z.B. der Bz-Wert gleich für einige Stunden unter -10 nT liegen. Für Island ist ein Bz von -3 nT über einen Zeitraum von mind. einer Stunde meist schon recht gut für Auroras, hingegen -1 nT hat bei geringeren Windgeschwindigkeiten bei uns meist nicht gereicht.
  • die Geschwindigkeit, mit der die Sonnenteilchen bei uns eintreffen. Werte um die 300 km/s sind normal in ruhigeren Zeiten. Leicht erhöhte Geschwindigkeiten um die 350 km/s können aber beispielsweise in Island oder auch in Fairbanks (Alaska) schon für eine tolle Show sorgen (haben wir selber schon mehrfach erlebt!). Gemessene 500-600 km/s gelten als moderat, dann erreichen uns die Stürme 50-40 Minuten nach dem Passieren des DSCOVR-Satelliten und erzeugen i.d.R. bei gleichzeitig negativen Bz-Werten ein fantastisches Lichterballett. Winde aus koronalen Löchern können auch die 750 km/s überschreiten, dann sind sie nur 2 Tage bis zur Erde unterwegs und unsere Weltraum”warnboje” informiert uns gerade mal eine halbe Stunde vorher.
  • das Zusammenspiel von Bz und der Windgeschwindigkeit: Während unserer Herbst-Tour 2018 in Island haben wir festgestellt, dass ca. 600 m/s durchaus schon reichen können, damit man selbst bei positiven Bz-Werten Lichter am Himmel tanzen sieht! Entscheidend ist aber meistens, wie lange Bz unter 0 lag. Wenn es nachmittags schon stundenlang negativ war, so rund um -5 nT kann es durchaus passieren, dass das System so gestört wurde, dass es auch abends und nachts selbst bei positiven Bz-Werten noch lange und ordentlich “kracht”.
  • Last but not least, darf man auch den Parameter “density” nicht vernachlässigen. Die Dichte der eintreffendenden Partikel sollte möglichst größer als 4/cm3 sein.

Wir haben, wenn wir auf Polarlichterjagd gehen, am Handy genau zwei Webseiten offen: die eingangs erwähnte IST-Zustand-Graphik und den “Real Time Solar Wind” wegen dem Bz-Wert. Die Kombination aus beiden ist wirklich um vieles besser und verlässlicher als sämtliche Vorhersage-Seiten oder Apps, denn diese zapfen alle ein und die gleiche Quelle an und zwar die ganz offiziellen NOAA-Prognosen. Warum die oftmals den Bz-Wert völlig außer acht lässt, ist uns bislang schleierhaft. Aber offensichtlich beruhen auch noch deren 1-stündigen kp-Prognosen auf den Messungen der Stationen auf der Erde und nicht auf den Daten des DSCOVR-Satelliten? Wir haben es bereits mehrfach mit eigenen Augen gesehen, dass bei positiven Bz über einen längeren Zeitraum die NOAA kp-Prognosen von 3 oder 4 schlicht und einfach Unsinn sind. Es hat sich da rein gar nichts am Himmel abgespielt. Wenn Bz allerdings hin- und herschwankt bzw. mal positiv, mal negativ ist, kann es zwischendurch schon ein ordentliches Feuerwerk geben.

Tipp: Gerne schauen wir auch auf das Portal Solarham, denn es bietet neben den üblichen Prognosen, Aurora Oval und Sonnenwindparametern zusätzlich noch aktuelle Fotos und Infos von Sonnenflecken und koronalen Löchern. Auch der Blick auf spaceweather.com lohnt sich, dort gibt es neben schönen aktuellen Bildern von den Sonnenflecken und koronalen Löchern oft auch Erläuterungen dazu.

Anmerkung: Das alles beschreibe ich jetzt so aus unserer Erfahrung, wissenschaftliche Belege kann ich dafür keine liefern. ;)

 

Polarlichter fotografieren – Tipps & Tricks

Zu analogen Zeiten war das Fotografieren in der Finsternis eine Wissenschaft für sich. Man konnte nur bangen und hoffen, dass man die tänzelnden Lichter gut erwischt hat. Das Ergebnis sah man meistens erst nach der Reise, wenn Korrekturen und Verbesserungen nicht mehr möglich waren. Heutzutage verraten Kameradisplay/Lifeview oder der nachträgliche Bildcheck sofort, ob Schärfe und Belichtung passen. Digitale Kameras haben das Fotografieren ungemein erleichtert und irgendwie nahezu idiotensicher gemacht.

Das Equipment spielt eine entscheidende Rolle beim Fotografieren von Polarlichtern. Vor allem wenn sie sich schnell bewegen, benötigt man ein lichtstarkes Objektiv und einen Kamerasensor mit high-ISO-Fähigkeit. Nur dann gelingt es die bogenartige Struktur der tänzelnden Lichter gut einzufangen (Vollmond, 5 s, f/2.8, ISO 800, Canon EOS 5D Mark III, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM).D.h., mit ein paar wenigen Tipps und Tricks sollte das so ziemlich jeder hinbekommen, der über eine einigermaßen gute Ausrüstung verfügt. Auch wenn wir sonst eher der Meinung sind, dass sehr viele Leute das Equipment völlig überbewerten, so spielt es hier leider doch eine nicht unwesentliche Rolle. Zwar ist nach wie vor das Auge des Fotografen entscheidend, ob das Motiv ansprechend oder weniger gut wirkt, aber Kompaktkameras ohne manuellen Modus, kleinere Sensoren oder anderes älteres Equipment, das noch ein sehr schlechtes Rauschverhalten bei höheren ISO-Werten aufweist, sind NO GOs beim Verewigen von Polarlichtern. Und Objektive mit einer größten Blendenöffnung von f/5,6 eigentlich auch. f/4 ist zwar nicht optimal, aber wenn die Nächte nicht zu dunkel sind, durchaus noch akzeptabel. Und immer wenn sich die Lichter nicht zu schnell bewegen und wir bei den Nachtaufnahmen auch noch etwas Vordergrund dabei haben, verwenden wir auch mit dem 2,8er Objektiv öfters Blende f/4 oder sogar mal f/5,6.

So kommt es, dass an dieser Stelle (ausnahmsweise) das Equipment gleich an erster Stelle gelistet ist:

Die beste Ausrüstung:

  • moderne Digitalkameras mit großen, rauscharmen Sensoren und high ISO-Fähigkeit wie z.B. die neueren spiegellosen Sonys und Nikons, aber auch die Canon EOS R5 macht einen sehr guten Job! Nur wenn es stockfinster ist, also bei Neumond und ohne “light pollution”, gibt es nichts Besseres als die Sony-Kameras (ich habe noch ein älteres Modell -> Sony a7R II). Mit der Auswahl “Bright Monitoring / Helle Überwachung” kann man da in fast völliger Finsternis das Motiv rasch und exakt um- bzw. neu einstellen. Bei sich schnell bewegenden Polarlichtern von unschätzbarem Vorteil! Näheres dazu in meinem Sony-Blog im Absatz über das -> “Fotografieren in der Nacht“.
  • ein lichtstarkes Weitwinkelobjektiv, denn mit einem f/2.8 braucht man nur halb so lange zu belichten wie mit f/4, was bei tänzelnden Polarlichtern ein großer Vorteil ist, denn dann müssen die ISO-Werte nicht ins Unermessliche hochgeschraubt werden. Auch sollte man bedenken, dass die Sterne mit einem WW-Objektiv erst viel später zum Verwischen anfangen, die ersten “star trails” entstehen so erst nach 20-30 s.
  • ein stabiles Stativ
  • Fernauslöser bzw. Kabelauslöser; worst case geht es auch ohne, aber ein 2s-Timer mit Spiegelvorauslösung (z.B. bei DSLRs) ist bei sich schnell bewegenden Polarlichtern wenig sinnvoll (und Achtung, Kabelauslöser vertragen keine extreme Kälte!)
  • Ersatzakkus (am besten in der warmen Jacken- oder Hosentasche aufbewahren, damit sie bis zu ihrem Einsatz voll leistungsfähig bleiben)
  • last but not least: ausreichend Speicher! ;)

Himmel voller Aurora (8 s, f/2.8, ISO 1000, Canon EOS 5D Mark II, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USMWichtig wäre auch noch, dass man sämtliche Filter von der Linse entfernt und ja nicht auf die Idee kommt, einen Grauverlaufsfilter einzusetzen, damit der Vordergrund etwas heller wird. Polarlichter will man keinesfalls länger belichten. Hier hilft nur die “Magic Cloth” Technik. Bei einem hellen, verschneiten Vordergrund oder bei den Spiegelungen mit Mondlicht war es nicht unbedingt notwendig, aber bei einer mondlosen Nacht und schwacher Aurora kommt man nicht umhin sie einzusetzen. Weitere Utensilien sind dabei nicht erforderlich, im Prinzip reicht ein schwarzer Handschuh, mit dem man vor der oberen Hälfte des Objektivs hin und her “wedelt” (wichtig damit man keine harten Ränder sieht). So wird der dunklere Vordergrund z.B. 30s belichtet und der Himmel erheblich kürzer, je nachdem wie lange man abdunkelt. Was natürlich auch immer geht: zwei unterschiedliche Belichtungen von derselben Szene, die man dann nachträglich in Photoshop zusammensetzt. Aber wir bevorzugen da nach wie vor das “All-in-one”-Foto.

Belichtung:
Die Belichtung sollte beim Fotografieren von Polarlichtern grundsätzlich manuell erfolgen. Typische Zeiten sind, wenn der Mond scheint, 4-15 s bei Blende 2,8 und ISO 800 bzw. bei Blende 4 und ISO 1250. Dieser lässt die Polarlichter zwar schwächer wirken, aber wer über kein f/2,8 oder f/1,4-Objektiv verfügt, wird beim Fotografieren bald die Vorteile einer helleren Nacht zu schätzen wissen. Denn wenn es komplett finster ist, dann sind meist Belichtungszeiten größer als 30 s erforderlich und diese sind in vielen Fällen aber eher nicht ratsam. Zum einen werden die Sterne dann nicht mehr punktförmig abgebildet (ab 30s sieht man selbst mit einem WW-Objektiv schon erste Sternspuren) und wenn sich die Polarlichter rasch bewegen, verlieren sie schon manchmal ab > 8s ihre schöne schwungvolle Form und verwischen zu einem unkenntlichen Nebelvorhang. Ihre Geschwindigkeit und Intensität kann in kurzer Zeit sehr schwanken, d.h. ISO-Werte und Belichtungszeiten müssen dann entsprechend oft angepasst. Hier schadet es also nicht wenn man seine Kamera “blind” bedienen kann. ;)

Zur besseren Veranschaulichung des Zusammenhangs zwischen Blende, ISO-Werten und Belichtungszeiten und der Vorteile von lichtstarken Objektiven hier noch ein kleine Tabelle:

f2,8f4f5,6
ISO 40030 s1 min2 min
ISO 80015 s30 s1 min
ISO 16008 s15 s30 s

An was man auch immer denken sollte: aufgrund der dunklen Nacht erscheint das Foto auf dem Display zwar sehr hell, ist in Wirklichkeit aber meist zu dunkel. Hier empfiehlt sich daher eine leichte Überbelichtung sowie der Blick auf das Histogramm. Das Aufhellen von zu finster gewordenen Bildern geht häufig nur mit einem Qualitätsverlust einher (mehr Rauschen).

Scharfstellen:
Schon bald nach Sonnenuntergang zeigte sich die Aurora oberhalb des Hvitserkur. Die Lichtershow war an dem Tag aber leider nur sehr kurz und relativ schwach.Der Autofokus versagt nachts auf ganzer Linie, d.h., wie schon bei der Belichtung ist auch hier der manuelle Modus ein Muss! Wenn man bei Offenblende nicht aufpasst und die Sterne dann unscharf abgebildet werden, kann man die Aufnahmen nur noch zu Erinnerungszwecken aufheben. Das Scharfstellen ist mit den moderneren Kameras und einer einzigen winzigen Lichtquelle (Haus, Mond etc.) meist recht leicht: am Kameradisplay/Lifeview die Vergrößerung nutzen und schauen, wann die Lichtquelle am schärfsten/kleinsten erscheint! Problematisch wird es allerdings in einer stockfinsteren Nacht und ganz ohne Lichtquelle. Dann hat man im Prinzip nur drei (nicht sonderlich tolle) Möglichkeiten:

  • eine Hilfsmarkierung am Weitwinkel-Objektiv: tagsüber auf unendlich scharf stellen und eine Markierung setzen (das ist häufig deutlich vor dem Unendlichkeitssymbol und variiert auch von Linse zu Linse!); das nur wenn das Objektiv überhaupt über eine Entfernungsanzeige verfügt, unsere neuen Canon RF-Linsen haben so etwas nicht mehr …
  • bereits in der Dämmerung Motiv wählen, scharf stellen und warten (aber wer hat schon diese Geduld!? ;) )
  • in mehreren Schnitten versuchen den richtigen Fokuspunkt zu finden, in dem man von Unendlichkeit den Fokusring Stück für Stück zurückdreht, eine Aufnahme nach der anderen macht und immer wieder am Display mit der 10x-Lupe überprüft. Bis es endlich passt, kann es sein, dass die schönsten Lichtspiele schon wieder vorbei sind …

All diese Methoden sagen uns nur mäßig zu, denn so ist man extrem unflexibel und die Gestaltungsmöglichkeiten lassen sehr zu wünschen übrig. Jegliches Zoomen kann man gänzlich vergessen, zumal sich der Fokuspunkt bei 16 mm und 35 mm in aller Regel zu sehr unterscheidet.
Und so kommt es, dass der Mond gleich ein zweites Mal eine für uns wichtige Rolle bei der Polarlichterfotografie spielt. Er leuchtet nicht nur die Umgebung schön aus, sondern ist auch sonst ein wichtiges Hilfsmittel. In Sekundenschnelle hat man so das Schärfeproblem oft gelöst: Entweder die schneebedeckten Berge in der Ferne sind hell genug oder man visiert mit dem Lifeview-10x-Zoom den Mond an. Das klappt wunderbar! So bleibt man extrem flexibel und kann zwischendurch auch die Brennweite ändern. Denn nach den ersten Erinnerungsfotos möchte man wahrscheinlich nicht wahllos irgendwo am Bild irgendwelche Lichter verewigen, sondern doch ganz gezielt und bewusst einen möglichst schönen Bildausschnitt wählen, bei dem man nachträglich kaum oder gar keinen Beschnitt hat.

Tricky ist/war unsere spiegellose Canon EOS R5. Dort sollte man vor dem manuellen Fokussieren besser unter dem Menüpunkt “C.Fn4” den Punkt “Objektiv beim Abschalten einziehen” auf OFF gestellt haben. Was haben wir uns anfangs über das ständige automatische Verstellen des Fokuspunkts, sobald die Kamera kurz “in den Schlafmodus” geht, geärgert … ;)

Aufnahmeformat:
Während tagsüber bei guten Lichtverhältnissen die JPGs von modernen DSLRs qualitativ durchaus sehr gut sein können, so führt nachts kein Weg am RAW-Format vorbei. Nur so entstehen wirklich nahezu rauschfreie Bilder! Hier ein Vergleich zur besseren Veranschaulichung (zum Vergrößern bitte anklicken):

Der Vergleich zeigt, dass man beim Fotografieren von Polarlichtern keinesfalls nur JPGs machen sollte. Ein RAW-file ist sehr leicht entrauscht ohne die Sterne zu beeinträchtigen.

Das Rauschen wirkt sehr störend auf den JPGs, aber bei der RAW-Entwicklung ist es meist im Nu beseitigt (ohne die Sterne zu beeinflussen). Ein Dark Frame oder “Langzeit Rauschunterdrückung” ist beim Polarlichterfotografieren wenig hilfreich, da sie unmittelbar nach der Aufnahme die Kamera noch einmal für dieselbe Zeit blockieren.
Der Weißabgleich ist bei Nachtfotos immer ein heikles Thema und z.T auch Geschmackssache. Aber hier ist man mit einem RAW ebenfalls auf der sicheren Seite und kann ihn jederzeit nachträglich ändern.

Aufnahmeort/Aufnahmerichtung:
Wie bereits unter “Wo kann man Polarlichter am besten sehen/fotografieren?” geschildert, sollten störende Fremdlichter möglichst vermieden werden, außer man möchte diese bewusst in Szene setzen. Ausrichten wird man die Kamera meist in Richtung Norden, sehr starke Polarlichter können aber auch im Westen oder Osten erscheinen und von dort noch weiter südwärts tänzeln.

Das Mondlicht:
Aurora Borealis in Island - aufgenommen bei Vollmond (10 s, f/2.8, ISO 800, Canon EOS 5D Mark III, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM)Der Mond ist – wie oben bereits mehrfach angesprochen – ein nicht ganz unwichtiger Faktor beim Fotografieren von Polarlichtern. Und interessanterweise fallen die Meinungen zu diesem Thema doch sehr unterschiedlich aus. Immer wieder hört oder liest man, dass man Polarlichter am besten nur bei Neumond fotografiert. Das würden wir so nicht unterschreiben. Man erkennt zwar dann noch die schwächsten Lichter (wenn auch nur im sw-Modus…), aber gleich drei Dinge sind dabei ziemlich problematisch:

  • die Belichtungszeiten – wenn die Lichter sich schnell bewegen wird man für 5-8 s bald ISO-Werte im höheren 4-stelligen Bereich einstellen müssen, erst recht wenn man nur über ein Objektiv mit einer maximalen Blendenöffnung von 4 verfügt. Das sieht dann auch nach der RAW-Entwicklung bei vielen Kameras meist nicht mehr ganz so optimal aus.
  • die Komposition – Bilder von tänzelnden Polarlichtern mit einem pechrabenschwarzen Vordergrund sind meist nicht ganz so ansprechend, ebenso wie Aufnahmen die nichts weiter als Himmel und Lichter zeigen, außer man erwischt eine “Aurora Corona” (“Explosion”), was aber nicht leicht ist…
  • das Scharfstellen – ohne Mond mitunter eine echte Herausforderung!

Der Vollmond ist beim Fotografieren von Polarlichtern nicht unbedingt hinderlich, vor allem wenn die Aurora stark und das Objetiv gut vergütet ist. So wird der Mond selbst bei Offenblende sternförmig abgebildet.Und eines muss man beim Mond auch noch bedenken, er scheint meistens nicht die ganze Nacht. Wenn er sehr früh untergeht, herrschen auch rasch neumondähnliche Bedigungen. Hinzu kommt, dass in Island der Vollmond oftmals aufgrund der Bewölkung deutlich schwächer scheint und dann hat man im Prinzip fast die perfekten Bedigungen wie bei einem zu- oder abnehmenden Mond. So ein “greller Vollmond” wie am Bild oben rechts war bei uns eher selten. Der große Nachteil ist dann nicht nur eine schlechtere Sichtbarkeit von Polarlichtern sondern auch der helle Himmel in der unmittelbaren Nähe des Mondes. Vor allem wenn er im Norden auf- und untergeht, ist das meistens eher ungünstig fürs Fotografieren. Es gibt aber auch hier wieder Aufnahmen, die das Gegenteil beweisen, bei denen die Lichter stark genug sind und der Mond sogar toll in das Motiv passt (siehe Bild links). Der unserer Meinung nach beste Kompromiss sind die Tage zwischen 1/4- und Halbmond.

Dem Fotografieren bei Neumond haben wir noch ein Extrakapitel gewidmet:

 

Polarlichter bei Neumond

Polarlichter aufgenommen bei Neumond in Arnarstapi auf Snaefellsnes (15 s, f/2.8, ISO 1000, Canon EOS 5D Mark II, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM bei 16 mm)Wie bereits oben unter “Wie nimmt das menschliche Auge Polarlichter wahr?” erläutert, erscheinen Polarlichter in einer mondlosen Nacht meist nur auf dem Kamerasensor grün, weil wir dann nicht fähig sind Farben zu erkennen. Aus eigener Erfahrung können wir da nur sagen: Das schmälert das Erlebnis an sich sehr! Bei einer schwachen Aurora und Neumond macht das reine “Zuschauen” eher keinen Spaß. Und viele werden es nicht mal mitbekommen, dass am Himmel überhaupt etwas los ist. Als im isländischen Hochland ein Ehepaar gerade durch die Hoteltür kam und sich bei der Rezeptionistin erkundigen wollte, wie denn die Chancen stehen, in der Nacht Polarlichter zu sehen, musste ich ziemlich schmunzeln und meinte dann nur zu ihnen: “Schaut nochmal vor die Tür. Diese ganzen grauen Wolken da draußen sind Polarlichter! :)
Es war sogar eine tolle Show, die sich in jener Nacht am Firmament abspielte, aber unsere Augen konnten da nichts sehen außer “eigenartig wabernde graue Wolken”.
-> Daher Tipp Nr. 1 (den ich auch dem Ehepaar in Island gegeben habe): Unbedingt mit der Kamera Probefotos machen!

Wenn die Lichter stärker werden, sieht die Lage schon etwas besser aus. Dann erkennt unser Auge langsam auch etwas Farbe. Und hat man das Glück einen richtig großen Sonnensturm miterleben zu dürfen, dann wird es selbst in einer Neumondnacht erstaunlich hell. Mitunter so hell, dass man keine Taschenlampe mehr zur Fortbewegung benötigt. Die Tiere werden dann auch meist unruhig und die Vögel fangen zum Zwitschern oder gar zum Herumfliegen an. So sind die Lichter bei Neumond auch aus der Sicht eines “Zuschauers” wirklich beeindruckend. Und beim Fotografieren herrschen dann schon fast ähnliche Bedingungen wie bei Mondschein.

Bei Neumond erscheinen die Polarlichter oftmals in etwas blasseren Grüntönen am Himmel.Solch ein Szenario tritt nur leider viel seltener auf, als man es sich wünschen würde. D.h., bei geringen Kp-Werten ist in Island davon auszugehen, dass das Festhalten der Polarlichter bei Neumond einem auch vor etwas größere Herausforderungen stellt. 30s und ISO > 2500 sind dann eher die Regel als die Ausnahme. Sternspuren werden fast unvermeidlich und wenn sich die Lichter rasch bewegen, gehen bei so langen Belichtungszeiten dann auch die schönen Strukturen und Details gänzlich verloren. Es wird alles nur noch als “grüner Matsch” abgebildet, wenn man die ISOs nicht noch deutkich weiter raufschraubt. Aber das ist leider noch nicht alles, unter diesen Bedingungen sind z.B. die schönen Spiegelungen in Gewässern meistens viel zu dunkel. Der Einsatz der unter “Tipps & Tricks” bereits beschriebenen “Magic Cloth” Technik (Abdunkeln der oberen Bildhälfte) wird erforderlich, was die ISO-Werte abermals in die Höhe treibt.

Auch das Thema “Fokussieren” spielt bei Neumond eine viel größere Rolle (siehe Abschnitt “Scharfstellen” oben) sowie das Finden einer ansprechenden Komposition. Ist man gerade in einer Gegend unterwegs, in der kein Schnee liegt und wo es weit und breit kein windstilles Gewässer gibt, hat man ziemlich schlechte Karten. Immer dieselbe pechrabenschwarze Bergsilhouette wirkt schnell langweilig. Daher an dieser Stelle noch zwei weitere sehr wichtige Tipps bei Neumond:
-> unbedingt tagsüber den Fokuspunkt für “Unendlichkeit” ausfindig machen (wenn es das Objektiv zulässt)
-> unbedingt tagsüber ausgiebig scouten (Wo liegt Schnee, der reflektieren könnte? Wo gibt es ein Gewässer, in dem sich die Lichter gut spiegeln werden? Und wo gibt es vielleicht noch interessante Strukturen am Ufer dieses Gewässers? Oder wenig beleuchtete Gebäude, die als Vordergrund einsetzbar wären? Oder markante Strukturen wie z.B. ein Felsbogen? )

Polarlichter aufgenommen bei Vollmond (30 s, f/2.8, ISO 1600, Canon EOS 5D Mark III, Canon EF 16-35mm 1:2,8L II USM bei 30 mm)Wer seine Hausaufgaben nicht gemacht hat (allen voran den letztgenannten Punkt verabsäumt), der könnte nachts dann wenig Spaß beim Fotografieren haben. Zumindest ist es uns im September 2015 in der Gegend rund um den Lake Myvatn so ergangen. Schnee lag noch keiner, das große Gewässer ohne besondere Konturen war schnell uninteressant geworden, ebenso die kleineren Tümpel. Erst als wir einen Bereich mit zwei sich darin spiegelnden Felsbögen (Foto links) entdeckten, waren wir wieder happy! Auch keine schlechte Idee bei Neumond sind kleinere Ortschaften, in denen es nur wenig Lichtverschmutzung gibt und wo vielleicht das ein oder andere interessante Gebäude steht. Indirektes Licht sorgt dort dafür, dass der Vordergrund etwas besser ausgeleuchtet ist bzw. am Foto sichtbar wird. Das Bild oben rechts zeigt ein einsames Haus auf Snaefellsnes bei Neumond (uns gefällt aber die “Variante mit Mond” von dort besser) und die Kirche in Hellnar am ersten Bild gleich am Beginn dieses Blogs wurde ebenfalls ohne Mondlicht aufgenommen.

Fazit: Das Fotografieren von Polarlichtern ohne Mond ist um vieles anspruchsvoller. Die Bildqualität nimmt rasch ab (hohe ISO-Werte, Sternspuren), sich schnell bewegende “Vorhänge” sind noch schwieriger “einzufrieren” und die Motivfindung wird zur wahren Herausforderung. Für Zuschauer, die nicht fotografieren (z.B. Begleitpersonen) kann man – außer bei einer starken Aurora – generell eine Neumond-Anti-Empfehlung aussprechen!

Einen sehr großen Vorteil hat der Neumond aber auch und den darf man nicht verschweigen: Es lassen sich dann viel mehr Farben und selbst noch die allerschwächsten Polarlichter mit der Kamera einfangen. Vor allem die Rot-, Lila- und Blautöne weiter draußen in der Atmosphäre, also jene oberhalb der grünen Bögen, bleiben mit Mondlicht leider sehr oft selbst für die Kameras unsichtbar (für unsere Augen sowieso!). Und man staunt bei Neumond immer wieder, was da am Himmel für unglaublich “buntes Zeug” herumtänzelt. :x

 

Polarlichter mit dem Handy fotografieren?

Zum Zeitpunkt, als ich diesen Bericht veröffentlich habe, war das noch kein Thema. Zwar nicht unmöglich, denn ich hatte selber mal ein Erinnerungsfoto zur Blauen Stunde mit meinem alten Huawai P9 lite aufgenommen, aber man konnte darauf “gerade noch so” etwas erahnen. ;)
Seit 2013 hat sich die Handy-Technologie jedoch rasant weiterentwickelt. Und ja, inzwischen kann man Polarlichter auch mit dem Smartphone fotografieren. Man muss allerdings etwas tiefer ins Portemonnaie greifen, denn derzeit können das nur teurere Modelle. Als Spitzenreiter muss man hier das “iPhone 11 Pro” und “Huawei P40 Pro” anführen (Stand: Sommer 2020). Da sich auf dem Sektor schnell etwas ändert, am besten nach “Nachtfotos Handy Test” googlen. Ich habe das Huawai P30 Pro und auch das kommt mit der Dunkelheit schon gut zurecht. Aber wie bei allen anderen Handys ist die Qualität aufgrund des Rauschens natürlich nicht die beste. Fürs schnelle Erinnerungsfoto, wenn z.B. nachts die Polarlichter vor dem Flugzeugfenster tanzen, dennoch eine nette Sache!

 

Kurze Checkliste fürs Polarlichter fotografieren

  • Kamera (manueller Modus; RAW einstellen!)
  • Weitwinkelobjektiv (korrekt!) auf unendlich fokussiert; Autofokus und Bildstabilisator ausschalten
  • stabiles Stativ
  • zusätzliches Akkus (in der warmen Hosentasche)
  • ausreichend Speicher
  • Taschenlampe/Stirnlampe (am besten mit Rotlicht, stört andere Fotografen und einen selber am wenigsten)
  • wahrscheinlich selbstverständlich: warme Kleidung, gute Schuhe mit dicker Sohle, Kopfbedeckung, Handschuhe und ggf. Wärmepad/Taschenwärmer sowie eine Thermoskanne mit heißem Tee
  • die Aurora Forecast im Internet (oder App) im Auge behalten
  • und was man auch immer dabei haben sollte: GLÜCK!

Wobei wir mittlerweile der Ansicht sind, dass man seinem “Polarlichter-Glück” schon auch gehörig auf die Sprünge helfen kann. “WIE?”, das haben wir recht ausführlichen in einem Extra-Blog “Polarlichter beobachten in Island – Tipps & Tricks” beschrieben.

In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern, die schon bald ihre ersten Polarlichter sehen und fotografieren möchten, viel Glück und Spaß! %%-
Isa & Steffen

PS: Die Fotos in diesem Bericht sowie in unserem Polarlichter-Fotoalbum sind die Ausbeute von einer Handvoll Winter-Kurztrips nach Island zwischen März 2013 und März 2017. Weitere folgen hoffentlich noch. Und ja, es könnte schon sein, dass wir ein wenig polarlichtersüchtig geworden sind…! =:)
Und zum Anschluss ein neues, wieder tolles Video von Ole C. Salomonsen: